Darmstadt: Mieter des Wilhelminenkomplexes beklagen Umbaudauer

Bis zum Sommer 2019 sollen die Wohnungen im Wilhelminenkomplex (Foto oben) fertiggestellt sein. Foto: Guido Schiek

Die Wilhelminenpassage am Ende der Fußgängerzone präsentiert sich frisch modernisiert. Doch dahinter spielt sich ein ganz anderer Film ab: Der Umbau der Wohnetagen ist immer...

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DARMSTADT. Frisch modernisiert präsentiert sich die Wilhelminenpassage am Ende der Fußgängerzone und belebt durch die neue Gastronomie. Dass sich dahinter und darüber ein ganz anderer Film abspielt, lässt sich erst um die Ecke in der Hügelstraße erahnen beim Blick auf die eingerüstete Fassade und schweres Baugerät: Immer noch nicht fertig ist der Umbau der Wohnetagen. Für die verbliebenen Mieter ist es ein nicht enden wollendes Drama - und ein Beispiel von Gentrifizierung, das auch die Politik auf den Plan ruft.

Seit fünf Jahren berichtet diese Zeitung immer wieder über Klagen von Mietern, die sich von dem Darmstädter Bauinvestor Dogan Gülsen (DCE Invest GmbH), seit 2010 Eigentümer des Komplexes, drangsaliert fühlen: vom Drohen mit drastischen Mieterhöhungen und Kündigungen der einstigen Mieter, wovon nur noch die Hälfte übrig ist. Von fragwürdigen Räumungsklagen gegen langjährige Bewohner, die er letztlich verloren hat. Von Schäden durch Baumängel, Wassereinbrüchen, monatelangen Heizungs- oder Aufzugsausfällen.

Wie hart es ist, auf solch einer Großbaustelle zu leben, ist bei einer Visite anschaulich geworden. Man tritt an Bauarbeitern vorbei durch einen blanken Hauseingang ohne Tür und Klingeln, Treppenhaus und Flure sind quasi im Rohbauzustand, und am Ende eines Gangs durch Baulärm und Dreck trifft man in einer Bestandswohnung auf viel Empörung.

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Zustände im Wohnkomplex rufen Uffbasse auf den Plan

"Wir leben seit Jahren auf einer Baustelle mit wechselnden Super-Gaus", moniert ein Mieter, der namentlich nicht genannt werden will. Unabhängig von den Schikanen des Investors, der gegen Regeln und die guten Sitten verstoße, sei es für ihn längst auch ein politischer Skandal. "Da gibt es eine Stadt, die ich seit Jahren darüber informiere - und die das toleriert."

Unterstützung erfahren die verbliebenen Bewohner vom Mieterbund. "Das ist ein Extremfall, was die Kumulation von juristischen und baulichen Beeinträchtigungen angeht", betont Mieterbundvertreterin Kyra Seidenberg. Sie spricht von einer "Zermürbungstaktik". Ziel sei, die Bestandsmieter loszuwerden und die umgebauten Wohnungen teurer vermieten zu können. Zwar gehe es hier in erster Linie um zivilrechtliche Fragen, aber auch sie sieht die Stadt in einer Verantwortung. "Unter dem Gesichtspunkt der Wohnungsknappheit: Warum wird es geduldet, dass da so lange so viele Wohnungen leer stehen?"

Auf den Plan gerufen hat der Wilhelminenkomplex nun auch erneut die Stadtverordnetenfraktion Uffbasse. Anlass ist der harsche Ton, den ein achtzigjähriger, inzwischen verstorbener Mieter auf wiederholte Nachfrage wegen des Hineinregnens in seine Loggia erfahren hat. Man habe "ernsthafte Zweifel" an seiner "geistigen Leistungsfähigkeit", wird aus dem Schreiben des Eigentümers zitiert. "Wir sind entsetzt darüber, wie menschenverachtend hier ein Investor mit seinem Mieter umspringt", kommentiert das die Fraktion auf ihrer Internetseite. DCE Invest kommentiert das so: Das Schreiben basiere keinesfalls auf einem menschenverachtenden Hintergrund, vielmehr habe man darin "deutlich den geistigen Verfall" des Mieters zum Ausdruck gebracht.

Bauaufsichtsamt sei schon mehrfach auf der Baustelle gewesen

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Für Uffbasse wäre ein deutliches Signal notwendig, "dass ein solcher Umgang mit Mietern in unserer Stadt nicht akzeptabel ist", wie es in der Erklärung weiter heißt. Es sei unangemessen, dass politisch Verantwortliche diesen Investor loben für eine "Belebung der Innenstadt". Gülsen plant bekanntermaßen das nächste Wohnungsmodernisierungsprojekt in der Grafenstraße. Zudem hat er nach ECHO-Informationen nun auch das Einkaufszentrum Boulevard erworben.

Zu den Vorwürfen aus dem Wilhelminenkomplex hat sich Gülsens DCE Invest GmbH nur allgemein geäußert (Infobox). Nochmal verzögert hätten sich die Arbeiten aufgrund der Insolvenz ihres Generalunternehmers, sie seien nun aber wieder in vollem Gange, "und die Wohnetagen werden bis Sommer 2019 fertiggestellt sein", schreibt der für Projektentwicklung zuständige Bastian Gaydoul.

Die Stadt bestätigt auf Anfrage, das Bauaufsichtsamt sei, auch aufgrund von Mietereingaben, schon mehrfach auf der Baustelle gewesen und habe immer wieder Missstände festgestellt und ihre Beseitigung angeordnet. Die Hessische Bauordnung enthalte aber keine Regelung, einem Bauherrn deswegen für weitere Projekte die Genehmigung zu verweigern. Auch gebe es keine Möglichkeit des Einschreitens, wenn Bauarbeiten sich schon länger hinziehen. "Dazu gibt es keinerlei rechtliche Handhabe."