Darmstadt: 5G trifft nicht nur auf Zustimmung

Darmstadt wird Telekom-Pilotregion für den neuen Mobilfunkstandard 5G.  Archivfoto: Andreas Kelm

In Darmstadt regt sich Widerstand gegen den neuen Mobilfunkstandard. Verwaltung will Strahlung an bestimmten Punkten messen lassen.

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DARMSTADT. Für viele war es eine erfreuliche Nachricht, als Oberbürgermeister Jochen Partsch Anfang Februar verkündete: Darmstadt wird 5G-Stadt. Nach Berlin und Hamburg ist die Digitalstadt die dritte deutsche Stadt, in der das schnelle Mobilfunknetz der 5. Generation eingeführt wird. 18 Antennen um den Hauptbahnhof bilden das Testfeld für die Übertragungstechnik, die enorm mehr Leistung und Internetverbindungen in Echtzeit verspricht und somit etwa auch Basis ist für Zukunftstechnologien wie autonomes Fahren.

Doch es gibt auch Menschen, denen 5G Sorge bereitet. Sie befürchten Gesundheitsgefahren, die von der hochfrequenten Strahlung ausgehen könnten. Zwar gilt das bislang als nicht belegt, aber ausgeschlossen werden kann es auch nicht (mehr dazu auf dieser Seite). "Keine Einführung des 5G-Mobilfunkstandards ohne Unbedenklichkeitsnachweis", lautet daher etwa die Forderung einer beim Bundestag eingereichten Online-Petition, die mehr als 50 000 Bürger unterzeichnet und damit das nötige Quorum erreicht haben. Darunter auch Menschen aus Darmstadt, wo die Sorge ebenfalls wächst.

Internetseiten weisen auf Risiken hin

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Verunsichert zu Wort meldet sich etwa S. Hardt aus Bessungen, die ihren vollen Namen nicht nennen will. "Wie positionieren Sie sich als Stadtverordnete zu dem Thema: Auswirkungen von 5G auf unsere Gesundheit?", fragt sie in einem Brief an die politischen Vertreter der Stadt, den sie Oberbürgermeister Jochen Partsch hat zukommen lassen. Sie sei im Internet auf mehrere Seiten gestoßen, die auf Gesundheitsrisiken hinweisen. "Alles, was ich gelesen habe, erfüllt mich mit großer Sorge."

Klar, Darmstadt sei Wissenschaftsstadt. "Aber heißt das, dass wir jede Technik einführen müssen, auch wenn noch gar nicht absehbar ist, was das für Auswirkungen auf die Umwelt, die Insekten und auf uns Menschen hat?", fragt Hardt weiter. Sie als Bürgerin Darmstadts wünsche sich Aufklärung über die gesundheitlichen Auswirkungen.

Wie begegnet die Stadtpolitik diesen Fragen und Ängsten? In einem Antwortbrief an Bürgerin Hardt betont Oberbürgermeister Jochen Partsch zunächst einmal, dass er diese "sehr ernst nehme". Es mehrten sich derzeit Stimmen zu möglichen Wirkungen von 5G, deren Bandbreite "von der sachlichen Diskussion bis hin zu diffuser Panikmache" reiche.

Als neutrale Quelle zuvorderst heranzuziehen sei dabei das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das hierzu Stellung genommen habe. Partsch zitiert: Im ersten Schritt würden für 5G dieselben Frequenzen verwendet wie beim bereits bestehenden Mobilfunk. Die Wirkung dieser elektromagnetischen Strahlung sei gut erforscht. "Unterhalb der Grenzwerte seien keine gesundheitlichen Auswirkungen nachgewiesen. Die Grenzwerte würden eingehalten."

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Mehr Sendemasten durch den Ausbau

In einigen Jahren würden durch den 5G-Ausbau Frequenzen hinzukommen, deren Wirkung noch nicht so gut untersucht sei. "Das BfS rät deshalb zu einem umsichtigen Ausbau und wird die Wirkung der neuen Frequenzbereiche weiter erforschen." Durch den Ausbau werde es mehr Sendemasten, jedoch mit jeweils geringerer Leistung geben. Es müsse untersucht werden, ob die Menschen einer höheren Strahlenmenge ausgesetzt seien und welche möglichen Wirkungen der neue Frequenzbereich habe.

"Der Ausbau mit der 5G-Technologie beginnt in Darmstadt gerade erst", schließt Partsch seine Ausführungen. Dem Bundesamt zufolge bestünden derzeit keine erhöhten Gesundheitsrisiken. Alles Weitere müsse die Forschung zeigen. "Netzerweiterungen ohne Berücksichtigung des Faktors Gesundheit finden nicht statt", konstatiert Darmstadts OB. Deshalb werde die Wissenschaftsstadt ganz aktuell dem hessischen Umweltministerium Standorte nennen, an denen Messungen der von Hochfrequenzanlagen einwirkenden Strahlung durchgeführt werden.

Große Skepsis besteht indes bei dem Kritikerkreis, der sich seit einigen Monaten als lose Initiative gegen den Mobilfunkausbau jeden Freitagabend im Café Lotte in der Soderstraße trifft. "Digitale Stadt Darmstadt = Verstrahlte Stadt = Krankmachende Stadt!!!": So ist auf deren aktuellem Flugblatt zu lesen, mit dem für den heutigen Dienstag eingeladen wird zu einer "Veranstaltung zur 5G-Problematik" mit Klaus Buchner, Physiker und Politiker der Ökologisch-Demokratischen Partei.

BUND warnt vor Panikmache

Die 5G-Kritiker stützen sich unter anderem etwa auf über 200 Wissenschaftler, die in einem internationalen Appell "ernsthafte Besorgnis" wegen der Zunahme elektromagnetischer Felder geäußert hätten, schon vor dem 5G-Ausbau. Auch wird betont, dass die Weltgesundheitsorganisation Mobilfunkstrahlung als "möglicherweise krebserregend" eingestuft hat. "Daher unsere Forderung: Bevor das 5G-Netz ausgebaut wird, müssen Industrie und Staat die Unschädlichkeit belegen."

Das sieht Brigitte Martin vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Darmstadt zwar ähnlich: "Wir sind dafür, dass alles untersucht wird und Gesundheitsgefahren für Menschen, Tiere und Umwelt ausgeschlossen werden." Doch grundsätzlich warnt sie vor Panikmache. Die möglichen Gefahren durch 5G seien auch für den BUND noch nicht einschätzbar und würden aktuell intern diskutiert. Inwiefern etwa die Strahlung auf den menschlichen Körper einwirkt, ist ihrer Ansicht nach nicht klar. "Man weiß nicht, wie gefährlich das ist."