Dachflächen sinnvoll nutzen

Ulla Hoppe, Peter Maier und Wolfgang Heymann (von links) inspizieren eine Fotovoltaikanlage der Genossenschaft in der Elisabeth-Selbert-Straße. Foto: Andreas Kelm

Die Energiegenossenschaft Darmstadt versorgt Wohnprojekte mit selbst erzeugtem Strom. In der Lincoln-Siedlung ist eine weitere Solaranlage geplant.

Anzeige

DARMSTADT. Sechs Fotovoltaikanlagen hat die Energiegenossenschaft Darmstadt (Egda) seit ihrer Gründung 2011 errichtet. Mit einer Gesamtleistung von über 200 Kilowatt peak (kWp) werden so jährlich rund 200 000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Genug, um mehr als 50 Mehrpersonenhaushalte mit Strom zu versorgen. Die blanken Zahlen spiegeln das von der Genossenschaft bisher Erreichte jedoch nur bedingt wider. „Wichtig war uns von Anfang an, die Stromerzeugung in die eigene Hand zu nehmen – vom Bürger für Bürger“, sagt Peter Maier. Und Ulla Hoppe fügt hinzu: „Dabei sind wir im Vergleich zu anderen Energiegenossenschaften ausgesprochen innovativ.“

Die beiden Egda-Vorstände spielen damit zum einen auf die Zusammenarbeit mit den beiden Wohnbaugenossenschaften Agora und K76 an. Auf den Dächern der beiden Wohnprojekte hat die Egda jeweils eine Fotovoltaik-Anlage installiert. „Dass Genossenschaften miteinander kooperieren war natürlich besonders toll“, freut sich Peter Maier. Zum anderen wurde bei K76 völliges Neuland betreten. Denn der komplette Energie- und Wärmebedarf des Gebäudes wird einzig und allein über Strom abgedeckt. „Das war für uns sehr schwer zu kalkulieren, weil wir keinerlei Erfahrungswerte hatten“, erklärt Ulla Hoppe. „Da war es schon beruhigend zu wissen, dass wir an einem Strang ziehen. Keiner hatte ein Interesse daran, den anderen zu übervorteilen.“

Schließlich ging es den Wohnungsbaugenossenschaften ebenso wie der Egda darum, bei der Energieerzeugung nicht von großen Konzernen abhängig zu sein. Genau diese Vision hat vor fast zehn Jahren zur Gründung der Energiegenossenschaft geführt. Den konkreten Anstoß, selbst in die Energieerzeugung einzusteigen, gab die Verärgerung darüber, dass die Stadt im Kranichsteiner Neubaugebiet K6 drei eingeschossige Parkdecks bauen ließ. „Die Gebäude hatten nur den Zweck, dort Autos abzustellen.“ Peter Maier kann noch heute darüber nur den Kopf schütteln.

Anzeige

Geschäfte werden ehrenamtlich geführt

Die Idee, die Dachflächen der Quartiersgaragen zur Stromerzeugung zu nutzen, lag nahe. Mit einem Dutzend Mitglieder ging die Egda an den Start und schließlich – nachdem zahlreiche bürokratische Hindernisse überwunden und komplizierte Vertragsverhandlungen zum Abschluss gebracht werden konnten – mit ihren ersten drei Anlagen ans Netz. Das war 2012 und 2013. Mit diesen ersten Projekten stieg auch die Zahl der Mitglieder an.

Dennoch brauchte die Genossenschaft erst einmal eine Verschnaufpause, berichten Hoppe und Mayer. Auch weil sich der weitere Weg als steiniger erwies als zunächst gedacht: Die Einspeisevergütungen für Neuanlagen waren vom Gesetzgeber drastisch reduziert worden. Verschiedene Fotovoltaikprojekte und ein Nahwärmekonzept wurden angedacht, letztlich aber wieder verworfen. Die Entega als größter Energieversorger der Region untersagte der genossenschaftlichen Konkurrenz die Verwendung des bis dahin gebräuchlichen Kürzels. Man fürchtete eine Verwechslungsgefahr.

Vor allem weil die Egda seit 2015 selbst dazu übergegangen war, Strom an Privatkunden zu vertreiben. Dazu hatten sich die Genossen den Bürgerwerken angeschlossen, einem ebenfalls genossenschaftlich organisierten Zusammenschluss von 80 Energiegenossenschaften. Bei der Egda beziehen derzeit rund 100 Kunden genossenschaftlich erzeugten Öko-Strom. „Das ist nicht viel“, weiß Peter Maier und benennt eines der größten Hindernisse bei der Neukundengewinnung: „Die meisten Verbraucher sind sehr loyal gegenüber ihren angestammten Stromlieferanten.“ Umso besser, dass mit der Wohnungsbaugenossenschaft K76 ein Mieterstrommodell realisiert werden konnte, bei dem die Egda neben der Stromerzeugung auch den -bezug in der Hand hat.

Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit der Freien Comenius-Schule. Dort ging 2017 eine weitere Fotovoltaikanlage der Egda in Betrieb. Dass im gleichen Jahr auch das Agora-Projekt realisiert werden konnte, war das offenkundige Zeichen dafür, dass die jahrelange Durststrecke bei der Entwicklung neuer Projekte beendet war.

Anzeige

Das bedeute für die Egda-Aktiven zugleich eine Menge Arbeit: Kalkulationen erstellen, Angebote einholen, Kontakte zu Lieferanten und Handwerkern, Prüfung rechtlicher Belange, Abrechnungen, Buchhaltung und nicht zuletzt die Erstellung der Bilanz – all das wird ehrenamtlich geleistet. „Von den derzeit 100 Mitgliedern sind so sechs, sieben Leute richtig aktiv“, sagt Ulla Hoppe, die sich um die Wirtschaftlichkeitsberechnungen kümmert. „Das ist im Vergleich zu anderen Genossenschaften schon sehr viel. Das Gute bei uns ist, dass jeder einen anderen Schwerpunkt hat, und wir uns gegenseitig gut ergänzen.“

Einnahmen und Ausgaben halten sich die Waage

Peter Maier ist der Technikexperte: „Das ist mein Steckenpferd.“ Das damit verbundene Arbeitspensum sei hoch. Schließlich gehe es der Egda ja nicht nur darum, Fotovoltaikanlagen zu installieren, sondern neue Wärmeerzeugungs- und Energieeinsparungskonzepte zu entwickeln. „Wir sind da momentan an einem Punkt, wo wir überlegen, ob wir uns nicht stärker professionalisieren müssen“, meint Maier. Andererseits berge das die Gefahr, dass das ehrenamtliche Engagement zurückgedrängt werde. „Außerdem ist es ein finanzielles Problem“, ergänzt Ulla Hoppe und weist darauf hin, dass sich derzeit Einnahmen und Ausgaben gerade so die Waage halten. Am besten wäre daher, wenn sich mehr Genossen engagieren würden.

Um über die obligatorische Mitgliederversammlung hinaus mit diesen in Kontakt zu bleiben, werden regelmäßig Rundbriefe verschickt. Um für eine aktive Mitarbeit zu werben, wurde im Oktober erstmals ein „Energiestammtisch“ durchgeführt. Schließlich steht das nächste Projekt bereits an: In Zusammenarbeit mit der Neuen Wohnraumhilfe (siehe Infokasten) plant die Egda in der Lincoln-Siedlung eine weitere Solaranlage mit einer Gesamtleistung von 85 kWp.