Corona-Krise: Ist die Luft in Darmstadt aktuell besser?

aus Coronavirus-Pandemie

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Im ersten April-Drittel lag die Stickstoffdioxidbelastung in der Hügelstraße bei 28,7 Mikrogramm im Mittel.   Fotos: Torsten Boor

Welchen Einfluss der Krisen-Effekt auf den Rückgang der gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxidbelastung hat, lässt sich nicht exakt sagen.

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DARMSTADT. Der Lockdown in der Corona-Krise und der Rückgang des Kraftfahrzeugverkehrs haben in Darmstadt in den vergangenen Wochen für eine spürbare Verbesserung der Luftqualität gesorgt. Wie stark dieser Krisen-Effekt ist, lässt sich zumindest bisher aber nicht genau beziffern, zumal auch das häufig windige Hochdruckwetter zu einem besseren Luftaustausch beigetragen hat.

Mit Blick auf das Dieselfahrverbot in der Hügel- und in der Heinrichstraße steht die Frage im Fokus, inwieweit der allgemein registrierte Rückgang des Verkehrs eine weitere Reduzierung der gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxidbelastung bewirkt hat.

Für eine erste Beurteilung stehen lediglich die Werte der festen Messstation des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie in der Hügelstraße zur Verfügung. Sie zeigen, dass sich für die ersten 22 April-Tage bei der Stickstoffdioxid-Belastung ein Mittelwert von 28,7 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ergibt.

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Der Tagesmittelwert lag bei Beginn der Geschäftsschließungen am 18. März bei 43,9 Mikrogramm, am 22. April, drei Tage nach der Lockerung der Ladenöffnungsregeln, bei 14,2 Mikrogramm. Der tiefste Tageswert in dieser Zeit wurde am 21. März mit 7,1 Mikrogramm registriert, der höchste am 9. April mit 48,9 Mikrogramm.

Werte im ersten Quartal unter dem Grenzwert

Zuvor war für Januar ein Monatsmittelwert von 33,3 Mikrogramm registriert worden, für Februar waren es 25,9 und für März ebenfalls 25,9. Die Werte lagen damit klar unter dem gesetzlich erlaubten Grenzwert von 40 Mikrogramm und auch deutlich unter der in den Vorjahren festgehaltenen Belastung. Für die Überprüfung des Dieselfahrverbots sind allerdings die Jahresmittelwerte entscheidend.

Die Messwerte der beiden sogenannten Passivsammler in der Hügelstraße und in der Heinrichstraße werden nicht monatlich veröffentlicht, sodass sich nicht sagen lässt, wie sich dort die Stickstoffdioxid-Belastung entwickelt hat. Auch die Stadt hat sich dazu auf Nachfrage nicht näher geäußert. Die von dem in der Nähe der Tunnelausfahrt in der Hügelstraße installierten Passivsammler festgehalten Werte hatten maßgeblich zur Verhängung des Dieselfahrverbots beigetragen.

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Aktuell könnten an den Messstationen in Darmstadt sehr niedrige Stickstoffdioxid-Werte verzeichnet werden, erklärte die Stadt. Dies hänge aber nicht nur mit der Corona-Pandemie und dem reduzierten Verkehrsaufkommen, sondern auch mit der aktuellen Meteorologie (gute Durchlüftung, kühle Temperaturen) sowie dem seit 1. Juni 2019 geltenden Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge und Benziner samt den flankierenden Beschränkungen zusammen. Es sei nicht möglich, exakt zu benennen, wie groß der durch die Pandemie hervorgerufene Minderungseffekt sei.

Das hessische Landesamt teilte mit, dass an allen Luftmessstationen im Land deutlich niedrige Stickstoffdioxidwerte registriert wurden. Rechne man den meteorologischen Effekt heraus, so ergebe sich "an den verkehrsbezogenen Standorten" im Mittel eine Abnahme der Stickstoffdioxid-Konzentration von etwa 40 Prozent. Diese sei allein der geringeren Verkehrsmenge zuzurechnen.

Verkehrsmenge ein Drittel weniger

Die Stadt hat nach eigenen Angaben keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie stark der Auto- und Lastwagenverkehr während des Lockdowns abgenommen hat. Schätzungen gingen von 30 bis 40 Prozent aus. Eine stichprobenartige Überprüfung auf der B 26 am Ostbahnhof habe Ende März gezeigt, dass sich die Verkehrsmenge dort um etwa ein Drittel verringert habe. Das Landesamt stellte fest, dass die Verkehrszahlen während des Lockdowns in den hessischen Großstädten bei 50 bis 60 Prozent der sonst üblichen Menge gelegen hätten.

Zu der Frage, welche weiteren Faktoren zu einer Minderung der Schadstoffbelastung beigetragen haben könnten, erklärte die Stadt, der Kraftfahrzeugverkehr sei zu 60 bis 70 Prozent für die Stickstoffdioxid-Belastung in Städten verantwortlich. Dazu kämen die Emissionen von Industrie und Haushalten. Einen "sehr großen Einfluss" habe jedoch auch die Meteorologie.

Das Landesamt machte deutlich, dass die derzeit registrierten positiven Effekte bei der Luftqualität nur temporären Charakter hätten und lediglich so lange anhielten, wie die Verkehrszahlen niedrig blieben. Bei der Bewertung der langfristigen Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität könne der "Corona-Effekt" daher keine Rolle spielen.

Von Joachim Nieswandt