Aus der Vergangenheit nichts gelernt: Bis heute kaum Interesse...

Zum Andenken an die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgten Sinti und Roma wurde in Darmstadt eine Gedenktafel vor dem Justus-Liebig-Haus installiert.Foto: Guido Schiek  Foto: Guido Schiek

Auch Sinti und Roma wurden in Nazi-Deutschland verfolgt und ermordet. Dass auch diese Menschen NS-Opfer waren, schien nach dem Zweiten Weltkrieg aber schnell vergessen. Schon...

Anzeige

DARMSTADT. Auch Sinti und Roma wurden in Nazi-Deutschland verfolgt und ermordet. Dass auch diese Menschen NS-Opfer waren, schien nach dem Zweiten Weltkrieg aber schnell vergessen. Schon 1947, vor nun 70 Jahren, arbeitete die Polizei wieder mit alten Vorurteilen über Sinti und Roma. Dies zeigte am Dienstag Udo Engbring-Romang bei einem Vortrag im Regierungspräsidium, im Kollegiengebäude am Luisenplatz.

Ältere Gesetze hervorgeholt

Der Marburger Historiker Udo erklärte, dass zwar die NS-Anordnungen nicht mehr angewandt wurden, aber für die Polizeiarbeit wieder ältere Gesetze und Erlasse hervorgeholt worden waren. Teilweise sei auch umformuliert worden, sagte der Historiker, und aus dem NS-Begriff „Rasse“ wurde das Wort „Klasse“.

„Der einzige Erlass, der grundlegend aufgehoben worden war, war ein Erlass Heinrich Himmlers von 1938“, sagte Engbring-Romang. Aber dafür sei in Bayern das sogenannte „Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetz“ von 1926 als „Landfahrerverordnung“ 1953 neu formuliert und im Landtag von CSU und SPD beschlossen worden. „Woanders wurde auf einen Erlass des preußischen Innenministers von 1906 zurückgegriffen“, so der Forscher. „Und in Hessen galt wieder ein Gesetz von 1929.“ So fänden sich dort Formulierungen wie „reisende Horden“, schilderte Udo Engbring-Romang. „Diese Formulierung wurde ausschließlich für Sinti und Roma verwendet, aber nicht für Flüchtlinge aus den Ostgebieten“, berichtete der Historiker.

Anzeige

Adam Strauß, Vorsitzender des hessischen Landesverbands der Sinti und Roma wies darauf hin, dass die Sinti und Roma durch Deportationen in Konzentrationslager auf der Suche nach überlebenden Verwandten in ganz Deutschland waren. Dennoch seien sie in Städten und Gemeinden unerwünscht gewesen, erinnerte der Referent. Sinti und Roma konnten sich nicht niederlassen. Somit sei die eigentlich paradoxe Situation entstanden, dass man den Sinti und Roma vorhielt, ein „fahrendes Volk“ zu sein, ihnen aber einen festem Wohnsitz verweigerte.

Das Jahr 1947 hätte eigentlich ein Wendepunkt gewesen sein können, meint Udo Engbring-Romang, jedoch habe sich die traditionelle Sicht des Antiziganismus aus der demokratischen Vorkriegszeit durchgesetzt.

Keine Resonanz der Schulen

Adam Strauß bedauerte, dass das Interesse am Schicksal der Sinti und Roma auch heute noch gering sei, obwohl der Landesverband Unterrichtsmaterialien bereithalte. „Wir haben tausend Schulen angeschrieben und null Resonanz gehabt“, sagte er. Auch das Dutzend Zuhörer scheint Adam Strauß’ Einschätzung zu bestätigen. Stadträtin Iris Bachmann (Grüne), die den Magistrat der Stadt vertreten hatte, schlug vor, die Lichtenbergschule in Darmstadt und die Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Ober-Ramstadt anzusprechen, weil es dort sehr aktive Schülerarbeitskreise zur Geschichte gebe.