Augenarztpraxen in Darmstadt sind überlaufen

Schlechte Perspektiven für Patienten: An der Versorgung mit Augenärzten wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Foto: dpa

Wer in Darmstadt einen neuen Augenarzt sucht, braucht viel Geduld, denn die Praxen in der Wissenschaftsstadt sind einfach überlastet. Zudem fehlt den Medizinern oft der Nachwuchs.

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DARMSTADT. Peter S. (Name von der Redaktion geändert) sitzt im Wartezimmer einer Darmstädter Augenarztpraxis. Was er dort während seiner Wartezeit erlebt, stimmt ihn nachdenklich. Denn in regelmäßigen Abständen kommen Menschen in die Praxis und fragen nach einem Arzttermin. Von der Sprechstundenhilfe kommt immer wieder die gleiche Antwort: In den nächsten drei Jahren könne die Praxis wegen Überlastung keine neuen Patienten mehr annehmen. "In den zweieinhalb Stunden, die ich gewartet habe, kamen mehr als zehn Leute", schildert S. seine Eindrücke. Die Anrufe, die über das dauerklingelnde Telefon eingehen, hat er gar nicht erst mitgezählt.

Erfahrungen der Techniker Krankenkasse (TK) legen nahe, dass sich solche Szenen auch in anderen Darmstädter Augenarztpraxen abspielen. Im vergangenen halben Jahr seien bei den Versicherten verstärkt Probleme mit Augenarztterminen in Darmstadt aufgetreten, bestätigt TK-Pressesprecherin Julia Abb. Ähnliche Ergebnisse lieferte auch ein Test des ECHO im vergangenen Jahr. Die einzigen drei Praxen, die zeitnah einen Termin anboten, hatten keine Kassenzulassung, wer sich als Kassenpatient trotzdem untersuchen lassen will, muss selbst zahlen. Auch die kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) nimmt wahr, dass es in Darmstadt schwierig ist, einen Augenarzttermin zu bekommen. Alle ansässigen Praxen seien sehr gut nachgefragt, teilt die KV auf Anfrage mit.

Nach Bedarfsplanung der KV überversorgt

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Dr. Cornelius Berzas vom hessischen Landesverband der Augenärzte kennt diese Problematik. Die Politik habe versäumt, sich frühzeitig mit dem Nachwuchsmangel in der Medizin zu befassen. Und das, wo durch die alternde Bevölkerung die Nachfrage in den Arztpraxen immer weiter steige. In Darmstadt gibt es zum Stand 1. Januar 2019 18 Augenärzte mit 14 Versorgungsaufträgen in Darmstadt (ein Versorgungsauftrag bedeutet, dass der Arzt mindestens 20 Sprechstunden pro Woche zur Verfügung steht), verteilt auf neun Praxen. Damit gilt Darmstadt nach der Bedarfsplanung der KV mit einem Versorgungsgrad von 138,88 Prozent als überversorgt. Statistik und Realität wollen daher nicht so recht zusammenpassen. Das weiß auch die Kassenärztliche Vereinigung. Man sei jedoch an die bundesweit gültige Bedarfsplanungsrichtlinie gebunden. Die KV könne derzeit leider nicht für eine Niederlassung weiterer Augenärzte in Darmstadt sorgen, "weil die Vorgaben dies nicht zulassen und eine Praxis für grundversorgende Augenärzte aus finanzieller Sicht auch nicht attraktiv genug erscheint", so Pressesprecherin Petra Bendrich.

An der unbefriedigenden Situation für Kassenpatienten wird sich also in absehbarer Zeit nicht viel ändern. Ganz im Gegenteil sogar, denn die KV geht davon aus, dass sich der Ärztemangel in Hessen weiter verschärfen wird. Grund ist das mit 52 Jahren hohe Durchschnittsalter der Fachärzte, wodurch bis 2030 mit einem "erheblichen Bedarf" zu rechnen sei.

Neben dem Nachwuchsmangel hat Augenarzt Berzas aber ein weiteres Problem identifiziert: Es komme sehr häufig vor, dass Patienten nicht zu ihren Terminen erscheinen und diese auch nicht absagen. Das hat zur Folge, dass die Termine ungenutzt bleiben. In manchen Fällen würden Praxen wegen der hohen Ausfallquote aber auch Termine doppelt vergeben, was wiederum zu langen Wartezeiten führe, wenn dann doch alle Patienten erschienen. Berzas ist überzeugt, dass die Situation in den Praxen deutlich entspannter wäre, würden Termine rechtzeitig abgesagt.

Äußerst problematische Entwicklung

Um zeitnah an einen Untersuchungstermin beim Augenarzt zu kommen, greifen Kassenpatienten mitunter auch darauf zurück, sich gegen eigene Bezahlung in Privatpraxen behandeln zu lassen. Davon raten die Krankenkassen allerdings ab. Die AOK empfiehlt Patienten, auf andere Ärzte auszuweichen, "auch wenn dies eine höhere Fahrtzeit bedeutet", oder sich an die Terminservicestelle (TSS) der KV zu wenden.

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Die TSS bietet Patienten nach ihrem Anruf innerhalb von vier Wochen einen Behandlungstermin bei einem Facharzt an. In der Regel ist dafür eine Überweisung des Hausarzts notwendig, dies gilt allerdings nicht für Termine beim Augenarzt. Auf der Homepage der KV heißt es allerdings auch, "für Bagatellerkrankungen und Routineuntersuchungen werden keine Termine vermittelt". Somit dürfte ein Teil der betroffenen Patienten auch hier durchs Raster fallen.

Peter S. findet diese Entwicklung äußerst problematisch, äußert aber zugleich Verständnis für die Ärzte. Schließlich seien diese ja schon an der Belastungsgrenze. Er ist der Meinung, dass die Politik den Problemen des täglichen Lebens zu wenig Platz einräumt. "Da stehen viele ältere Leute verzweifelt am Tresen der Praxis, das war erschreckend."