Apps lösen nicht jedes Problem
Die Champagnerkorken haben nicht geknallt beim "Chaos Computer Club", als der Darmstädter Sieg bei der Wahl zur "Digitalen Stadt" verkündet wurde. Aber eine Chance für...
DARMSTADT. "Achtung, Fehlfunktion! Wo: Verteilerkasten 53. Ursache: Unbekannt." Diese Meldung läuft bei der Stadtverwaltung ein. Doch der Mann am Computerbildschirm bleibt ebenso entspannt wie die freundlich klimpernde Hintergrundmusik. Schon umschwirrt draußen eine schwarzgelbe Drohne den maladen Verteilerkasten. "Schadensanalyse - Scan läuft", liest der Sachbearbeiter im Büro, dann kann er auch schon aufatmen. "Ergebnis: Keine strukturellen Schäden." Schnitt.
So geht es zu an einem ganz normalen "Tag in der Digitalstadt Darmstadt", wie er in einem Dreiminutenfilm inszeniert wird - auf der Internetseite digitalstadt-darmstadt.de, die zum gleichnamigen Wettbewerb geschaltet wurde (das Video ist auch am Ende dieses Artikels zu sehen). Bekanntlich hat Darmstadt Anfang Juni tatsächlich den prestigeträchtigen Titel gewonnen, der mit Millionenzuschüssen aus verschiedenen Quellen verbunden ist.
"Das mit den Drohnen, da bin ich skeptisch", sagt Justus Hoffmann zu der Video-Episode. Verteilerkästen oder Ampeln seien ja keine hohen Brücken, bei denen ein Einsatz von Drohnen zur Schadensanalyse bereits heute üblich ist. "Manchmal funktionieren einfache Ansätze besser. Komplizierte Lösungen sind oft nur Anreiz für Unternehmen, Fördergelder abzugreifen."
Hoffmann, der gerade sein Elektrotechnik-Studium an der TU Darmstadt abgeschlossen hat, gehört zu den Aktiven im "Chaos Club Darmstadt", örtlicher Ableger des bundesweit aktiven Hacker-Vereins Chaos Computer Club. "Mich interessiert die Wechselwirkung zwischen Technik und Gesellschaft", erklärt der 32-Jährige.
Ebenso wie seine Mitstreiter Markus Drenger und Malte Brandy hat Hoffmann den Digitalstadt-Wettbewerb verfolgt. Nein, die Champagnerkorken hätten nicht geknallt beim Chaos Club, als der Darmstädter Sieg verkündet wurde. Aber eine Chance für Verbesserungen in Darmstadt sehen die Mitglieder schon in dem Erfolg. "Wir sind gespannt auf die Projekte, die nun umgesetzt werden sollen", sagt Brandy. "Und wenn wir Gelegenheit bekommen, unsere Perspektive einzubringen, werden wir das mit Sicherheit wahrnehmen."
Ein Allheilmittel sehen die Südhessen-Hacker nicht in der Digitalisierung aller Lebensbereiche. "Nicht jedes Problem wird behoben, wenn man eine App darauf wirft", sagt Brandy. Immerhin, ergänzt Drenger: "Digitalisierung kann der Stadt in vielen Bereichen helfen, ihre Aufgaben effizienter zu erledigen."
Dass da in Darmstadt noch "viel Luft nach oben" ist, da sind sich die drei Clubmitglieder einig. Andere Städte seien viel weiter bei der Bereitstellung kommunaler Serviceleistungen im Netz. Nicht einmal Termine im Stadthaus könnten online vereinbart werden. "Schön, dass sie sich da jetzt anstrengen wollen." Bislang seien die Visionen allerdings "noch recht schwammig".
Vergleichsweise konkret sind Aussagen von Oberbürgermeister Jochen Partsch für den Bereich Gesundheit. Er kündigte die Schaffung einer "intuitiven Datenplattform" an, über die jeder Bürger jederzeit Zugriff auf seine eigenen Gesundheitsdaten habe und diese anderen, etwa Ärzten, zur Verfügung stellen könne.
"Da muss man sehr aufpassen", sagt Hoffmann dazu. "Eine Plattform für Gesundheitsdaten, auf die man mit dem Smartphone Zugriff hat - das klingt nicht wie eine gute Idee. Es gibt extrem viele Sachen, die da schiefgehen können." So seien Smartphones sehr unsicher, was den Datenschutz angeht. Was auch an den Nutzern liegt. Manche sorglos heruntergeladenen Apps, etwa für Taschenlampenlicht, zapfen eifrig Daten vom Gerät ab.
Datenschutz ist ein wichtiges Thema für den Chaos Club, der sich auch an Aktionen gegen eine Videoüberwachung am Luisenplatz beteiligt hat. Andererseits setzt sich der Verein dafür ein, dass Daten, die mit öffentlichen Geldern erhoben werden, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden - etwa Sensordaten im Verkehr. Bei der Mobilität gebe es viele Ansätze für innovative digitale Lösungen, sagt Malte Brandy. Das gelte auch für Formen der Bürgerbeteiligung.
Die Aktiven wollen darauf pochen, dass dabei stets offene digitale Formate und Standards verwendet werden, um sich nicht an bestimmte Hersteller zu binden.