Darmstädter Eltern fordern kostenlose Ausflüge für Schüler

Ausflüge mit Bus und Bahn mit der ganzen Schulklasse: Das soll das neue Klassenticket für alle ermöglichen.

Spontane Fahrten per Bus und Bahn mit der ganzen Klasse: Das soll das neue „Klassenticket” ermöglichen. Der Vorstoß von Darmstädter Eltern findet auch Sympathie bei der Politik.

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Darmstadt. Auf Klassenfahrt mit Bus oder Bahn zum Vivarium fahren, zur Grube Messel, in die Eberstädter Streuobstwiesen: Das können Darmstadts Grundschulkinder seit diesem Schuljahr kostenlos tun, zumindest zweimal pro Schuljahr. Die Klasse fährt einfach auf dem kostenlosen Landticket der Lehrkraft mit, die Stadt Darmstadt zahlt die Differenz – eine Idee aus dem Bürgerhaushalt. Aber warum geht das eigentlich nur an Grundschulen?

Auch die Kinder und Jugendlichen an den weiterführenden Schulen sollen solche Ausflüge im Dadina-Gebiet machen können, findet der Stadtschulelternbeirat. Zustimmung gibt’s für diese Idee vom Fahrgastbeirat der Dadina, vom Stadtschüler*innenrat, und auch hiesige Rathaus-Politiker senden zustimmende Signale. Könnte trotzdem schwierig werden. Denn offen ist noch die Frage der Bezahlung. Dabei glauben die Eltern gute Argumente zu haben.

Unter dem Titel „Mehr Gerechtigkeit beim Schülerticket“ hatte Ende Juli auch der Landeselternbeirat die Idee der Darmstädter aufgenommen. Das Gremium fordert „kostenfreie Fahrt für alle Schülerinnen und Schüler bei Schulausflügen“. Dafür brauche es nur eine neue Regelung für das Mitnehmen von Fahrgästen – durch die Lehrkräfte. „Die Erweiterung des Landestickets als ‚Klassenticket‘ stärkt auch die Möglichkeiten der sozialen Teilhabe“, sagen die Eltern. Denn längst nicht alle Mädchen und Jungen könnten problemlos an Ausflügen teilnehmen. Da gibt’s eine empfindliche Lücke, erklärt Sigita Urdze, Sprecherin der Darmstädter Schuleltern.

Manche Familien können sich die Ausflüge normal nicht leisten

Urdze treibt das Thema seit dem Frühjahr mit an. Sie sagt: „Nicht alle, die in Darmstadt eine weiterführende Schule besuchen, haben das Schülerticket“ – das kostet immerhin 365 Euro pro Jahr. Und nicht alle, die es nötig hätten, bekommen kostenlose Leistungen aus dem kommunalen Hilfspaket „Bildung und Teilhabe“. „Viele fallen genau in diese Lücke.“ Das Problem löse sich ja auch nicht auf, wenn diese Kinder von der Grundschule in die fünfte Klasse an einer neuen Schule wechseln.  

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Auch die Verkehrsbetriebe würden von einer so geschmeidigen Mitfahr-Gelegenheit profitieren, glaubt die Elternsprecherin. „Die Mobilitätsprägung passiert doch genau in dieser Zeit, wo die Kinder anfangen, sich eigenständig in der Stadt zu bewegen.“ So könnten die jungen Fahrgäste für den öffentlichen Nahverkehr gewonnen werden: „Das könnte eine gute Nachwuchswerbung sein“, sagt Urdze. Das sieht auch der Fahrgastbeirat der Dadina so.

Der hatte schon im Mai die Anregung der Eltern aufgegriffen und einen Antrag an das Verkehrsunternehmen verfasst. Darin heißt es: „Klimafreundliches Verhalten muss erlernt werden.“ Häufige Ausflüge mit dem Klassenticket würden „die Vertrautheit mit dem ÖPNV“ stärken – zumal es Familien gebe, in denen der Nahverkehr „kein natürliches Mobilitätsmittel darstellt“. Forderung: Der Dadina-Vorstand solle auf den RMV einwirken, eine neuen Mitnahmeregelung für die Schulen einzuführen. Lehrkräfte könnten dann „an Schultagen all ihre Schülerinnen und Schüler (maximal 40 pro Lehrkraft) auf ihrem Landesticket kostenfrei mitnehmen können“. Antwort des Vorstands: „Das wird kompliziert.“

Das erklärt Matthias Altenhein, Geschäftsführer des Transportunternehmens, auf Anfrage. Derzeit gebe es rein technisch „keine Möglichkeit, sowas zu erlauben“. Ein normales Gruppenticket sei das ja nicht. „Dass die Klasse auf dem Landesticket des Lehrers einfach so mitläuft, ist nicht vorgesehen.“ Und die Kosten? „Mit einer Subvention würden wir schauen, wie wir das umsetzen können.“

Für Grundschüler macht die Stadt Darmstadt es schon möglich

Für die Grundschulen hat die Stadt Darmstadt eine Lösung mit überschaubarem Geldeinsatz gefunden. Im Haushalt stehen jährlich 25.000 Euro zur Verfügung. Damit werden bis zu zwei Ausflüge pro Grundschulklasse bezahlt. Mehr braucht es nach Darstellung der Verwaltung nicht: „Die Übernahme des Tickets erfolgt vollständig“, eine weitere Finanzierung ist nicht nötig.

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Auch für eine Ausweitung auf die weiterführenden Schulen hat man im Rathaus Sympathie. Auf Anfrage heißt es: „Mobilitäts- und Schuldezernat sind aufgeschlossen gegenüber der Idee, dass auch an weiterführenden Schulen kostenfreie Tagesausflüge im direkten Umfeld ermöglicht werden.“

Nun soll ein Prüfauftrag an die parlamentarischen Gremien gehen, um die Chancen zu bewerten. Was nicht heißen soll, dass die Kommune wieder alles zahlt:  Ein solches Klassenticket für alle „würde nicht über den kommunalen Haushalt, sondern über den RMV finanziert werden“, sagt die Stadt. Das sieht der RMV anders.

Der Verkehrsverbund verweist in seiner Stellungnahme zum Thema auf das „sehr attraktive hessenweite Schülerticket“ für 365 Euro. Außerdem gebe es ja vergünstigte Einzelfahrkarten für Kinder sowie Gruppenkarten. Das Lehrerticket sei ein reines Jobticket; eine weitergehende Regelung sei „weder vorgesehen noch praktisch umsetzbar“. Eine solche Idee fordere „zugleich eine Aussage über die Gegenfinanzierung.“

So scheint es vor allem darum zu gehen, was Stadt, Land oder Verkehrsverbund für Kinder und Jugendliche auszugeben bereit sind. Der kommunale Haushalt in Darmstadt für 2023 ist zwar im Entwurf fertig, aber noch nicht beschlossen. Elternsprecherin Sigita Urdze sagt: „Wir hoffen, dass sich in den Verhandlungen jetzt noch was bewegt für die Kiddies.“