40 Jahre Psychiatrie am Elisabethenstift in Darmstadt

Mehr als 1300 Patienten werden jährlich in der psychiatrischen Klinik am Elisabethenstift ambulant behandelt.  Foto: Andreas Kelm

Seit 40 Jahren gibt es die Klinik für Psychiatrie am Elisabethenstift in Darmstadt. Jährlich werden 1300 bis 1400 Patienten ambulant behandelt.

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DARMSTADT. Mit "Verrückten" wollte man nichts zu tun haben, schob sie in stadtferne Einrichtungen ab und überließ sie dort ihrem Schicksal. Um so größer war das bundesweite Erschrecken, als eine Sachverständigenkommission Mitte der siebziger Jahre in psychiatrischen Fachkliniken "elende, zum Teil menschenunwürdige Zustände" und eine schlechte ärztliche Versorgung vorfand. Experten und Angehörigenverbände machten sich für eine dringend notwendige Psychiatriereform stark, und die Politik reagierte.

Psychiatrie-Patienten sollten "durch dieselbe Krankenhaustür" gehen können wie Patienten mit körperlichen Gebrechen, lautete eine der Forderungen. Sie sollten gleichgestellt sein. Um dieses Ziel zu erreichen, musste die gemeindenahe Versorgung ausgebaut werden. Dafür setzte sich in Darmstadt die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) als starke Lobby ein.

Einst eine von 14 Modellregionen

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Die 1979, also vor 40 Jahren, eröffnete psychiatrische Klinik am Elisabethenstift ermöglichte die stationäre und tagesklinische Vollversorgung von psychisch Kranken in Darmstadt. Ihr erster Chefarzt Eugen Wolpert erreichte, dass Darmstadt 1981 eine von 14 bundesdeutschen Modellregionen im Programm der Bundesregierung zur Psychiatriereform wurde. Dank der finanziellen Förderung konnte ein umfangreiches sozialpsychiatrisches Netzwerk aufgebaut werden.

Am Freitag, 28. Juni, zieht das Agaplesion Elisabethenstift mit Fachvorträgen die Bilanz dieser 40 Jahre und stellt der Öffentlichkeit die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Mittwoch, 26. Juni, mit einem Nachmittag der Offenen Tür vor.

Seit Jahren ist die Klinik gut ausgelastet. Die Patienten sind zwischen 18 und 100 Jahren alt, "das macht das Fachgebiet so spannend und reizvoll", meint Chefarzt Professor Dr. Martin Hambrecht. Was hat sich in den letzten vier Jahrzehnten in der Psychiatrie alles geändert? Heute liegt der Fokus auf dem Patienten und seiner individuellen Lebensgeschichte, und die Behandlung orientiert sich nicht mehr an dogmatischen Therapieansätzen.

In den Anfangsjahren lag der Schwerpunkt der Klinik auf Psychosen und Schizophrenie, heute sind die Krankheitsbilder differenzierter. Es gibt Therapien für Suchtpatienten, ältere Menschen (Gerontopsychiatrie), gegen Depressionen, Borderline und posttraumatische Belastungsstörungen. Hambrecht warnt davor, den Cannabiskonsum zu verharmlosen. "Zehn bis zwanzig Prozent der Konsumenten haben psychische Krankheiten." Anlaufstellen in Krisenzeiten sind eine rund um die Uhr geöffnete Notfallambulanz und eine Institutsambulanz für chronisch Kranke. Zu den diversen ambulanten Angeboten gehört die aufsuchende Behandlung in drei Altersheimen und zwei Suchtkrankenhäusern.

Die Ambulanzierung werde in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, vermutet Hambrecht. Schon jetzt werden jährlich 1300 bis 1400 Patienten ambulant behandelt. Die im Luise-Karte-Haus untergebrachte Klinik verfügt über 108 auf sechs Stationen verteilte Betten und 32 Tagesklinikplätze und ist somit die größte Abteilung aller Darmstädter Krankenhäuser. Gut 18 weitere Behandlungsplätze sind bewilligt, aber dafür fehlen die Räumlichkeiten. Deshalb wird überlegt, diese Plätze in aufsuchende Behandlung umzuwandeln.

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Dass die geschlossene Station mit ihren 20 Plätzen manchmal überfüllt ist, hängt mit der Verpflichtung der Klinik zusammen, immer aufnahmefähig für jene Patienten in akuten Lebenskrisen zu sein, die ambulant nicht ausreichend behandelt werden können.

Will ein Patient nicht freiwillig bleiben, müssen die Ärzte abwägen, was das Beste für ihn ist. Die Behandlung unterliegt einer starken juristischen Kontrolle. Hambrecht versichert: "Es gibt, glaube ich, keinen Bereich in der Gesellschaft, wo so genau hingeschaut wird." Das sind die Lehren aus einem Justizskandal in Bayern, wo ein Patient Jahre gegen seinen Willen in einer Psychiatrie verbringen musste, und die Folgen schärferer Regeln bei der Fixierung von Psychiatrie-Patienten.

Die Psychiatrie am Elisabehenstift hat rund 140 Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter in Voll -und Teilzeit. Sie werden darin geschult, kritische Situationen im Umgang mit Patienten zu entschärfen. Sollte es doch zu Patientenübergriffen kommen, was etwa einmal im Monat der Fall ist, können sie sich an ein Helferteam wenden.

Was hat sich in den 40 Jahren noch geändert? Es stehen heute viel mehr Medikamente für die Behandlung psychischer Störungen zur Verfügung als 1979. Das erhöht die Chance für den Patienten, genau die Medizin zu bekommen, die zur Art und zum Stadium seiner Erkrankung passt.

Von Petra Neuman-Prystaj