Zwischen Erhabenheitund Laszivität – Gabriel Sala und das...

Das Foyer des Staatstheaters ist in rotes Licht getaucht – es entsteht eine wunderbar doppelbödige Atmosphäre zwischen Seriosität und Sinnlichkeit. Noch wird die Musik...

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WIESBADEN. Das Foyer des Staatstheaters ist in rotes Licht getaucht – es entsteht eine wunderbar doppelbödige Atmosphäre zwischen Seriosität und Sinnlichkeit. Noch wird die Musik eingeblendet, sie fügt sich ins Gesamtbild und stimmt die eintreffenden Besucher auf die folgenden Stunden ein. Die Reihe „Salón Tango“ feiert Saisoneröffnung: Bis in die Nacht werden die Menschen tanzen oder die Paare betrachten, den Klängen lauschen und des Geistes des Tangos gewahr werden.

Kein Tanz, sondern ein kulturelles Phänomen

Gastgeber Gabriel Sala steht am Rande des Foyers und trifft die letzten Vorbereitungen; der vielfach ausgezeichnete Tänzer ist dem Staatstheater seit Jahrzehnten verbunden, im Foyer inspiriert er regelmäßig Anfänger und Fortgeschrittene, die den Tango lieben. Dem Argentinier sind „Wiesbaden und Deutschland zur Heimat geworden“, er hält die Verbindung nach Buenos Aires freilich aufrecht, hat dort eine Wohnung mit Blick auf den Río de la Plata.

Der Tango, so Sala, ist in Argentinien kein Tanz, sondern „ein kulturelles Phänomen“, ein Lebensstil. Seit seiner Entstehung in den Hafenlokalen der argentinischen Hauptstadt hat er Metamorphosen durchlaufen: Schnell begann er, Menschen in allen Teilen der Welt zu faszinieren, hielt Einzug in die Konzertsäle. Astor Piazzolla schuf den Tango Nuevo – „eine Revolution“, betont Sala. Im „Zauberberg“ beschreibt Thomas Mann die letzten Jahre des alten Europa vor dem Ersten Weltkrieg, im Saal des Sanatoriums, in welchem die Handlung angesiedelt ist, wird zu verschiedenen Platten getanzt: „Sogar von dem neuen Import war schon das ein oder andere Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango, berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen.“ Heute zeugt der Wiener Walzer vom Glanz der Vergangenheit, der Tango changiert zwischen nostalgischer Melancholie und Gegenwart. Im „schönsten Salon Europas“ (Sala) beginnen einzelne Paare mit den ersten Tanzschritten, schließlich tritt das Ensemble Tango Pianissimo herein: Klavier, Bandoneon, Kontrabass und Geige beschwören den Tango in seiner Polarität: Trauer, Enttäuschung, Liebe, Eros, Freude.

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Die Tanzfläche füllt sich, ebenso viele Gäste betrachten die Tanzenden und die Musiker. Zahlreiche Besucher sind Schüler Salas. Tango Pianissimo musizieren versiert, alles fließt, auf der Tanzfläche werden die wellenartigen Bewegungen der Stücke nachvollzogen – wie ein Spiel der Gezeiten in vielerlei Hinsicht. Auftritt Mario Pinnola: Überaus elegant gekleidet ist der Sänger, sein Vortrag setzt schillernde Nuancen; wohlklingend wie hintergründig beginnt er; langsam dringt er in Gefilde vor, in denen der Boden unter den Füßen nicht mehr fest ist.

Am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) wird Gabriel Sala zu einer Doppelvorstellung laden: „Ciudad Baigón“ werden im Kleinen Haus auftreten, im Anschluss soll im Foyer getanzt werden.