Was sich Schauspieler alles einfallen lassen, um Dialekte zu...

Für ihre Rollen als Wirtin Josepha und Zahlkellner Leopold in „Im weißen Rössl“ müssen Felicitas Geipel und Johannes Kastl fleißig Österreichisch lernen. Foto: Andreas J. Etter

Ob Österreichisch, Hessisch oder ein Akzent – immer wieder müssen Schauspieler Dialekte oder Sprachen lernen. Dabei hat jeder seine eigenen Trainingsmethoden.

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WIESBADEN. Felicitas Geipel ist waschechte Wiesbadenerin, Hessisch beherrscht sie dennoch nicht. Dafür spricht sie mit ihren Katzen Österreichisch – aus Trainingszwecken. Denn in der Produktion des Jungen Staatsmusicals „Im weißen Rössl“ in der Wartburg gibt die 38-Jährige die Wirtin Josepha Vogelhuber. „Die Dialekte machen den Charme dieser Musical-Operette aus. Dadurch ergibt sich ja gerade immer wieder ein Sprachwitz, der im Hochdeutschen einfach nicht funktionieren würde“, erklärt sie.

Für ihre Rollen als Wirtin Josepha und Zahlkellner Leopold in „Im weißen Rössl“ müssen Felicitas Geipel und Johannes Kastl fleißig Österreichisch lernen. Foto: Andreas J. Etter

Das Textbuch in Lautschrift präpariert

Um den Dialekt überzeugend herüberzubringen, sah sie sich österreichische TV-Sendungen an: „Ich habe da viel mit den Ohren geklaut und mein Textbuch in Lautschrift präpariert.“ Durch die vielen Proben und Vorstellungen ist der Dialekt tief verankert. „Das gilt aber tatsächlich nur für den gelernten Text. Ich könnte jetzt zum Beispiel nicht einfach losplappern mit Dialekt. Jeden Satz habe ich mir bei den Proben so vorgeformt, dass er wie eine Melodie in meinem Kopf abgespeichert ist.“

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Ihrem Kollegen Johannes Kastl, der den Zahlkellner Leopold gibt, kamen dessen niederbayerischen Wurzeln zugute: „Die Ähnlichkeit zu den Österreichern ist sprachlich wie auch mental deutlich erkennbar.“ Um auf der Bühne auch beim Vortragen der Speisekarte im flotten Redefluss bleiben zu können, musste er sich indes Wiener Schmankerln wie „Entrecoatscherl“ oder „Powidltascherln“ genau vergegenwärtigen. „Diese haben tatsächlich ihre Tücken in der Aussprache wie auch in der allgemeinen Verständlichkeit. Das gerade führt aber im Stück zu witzigen Situationen.“ An Vorstellungstagen telefoniert Kastl zur Einstimmung mit seiner Familie in Bayern.

Schauspielerin Eva-Maria Damasko ist aktuell in der Märchen-Posse „Die Hexe war braten… reloaded“ im Künstlerhaus 43 zu erleben und spricht darin ebenso wie Kollege Markus Schippers diverse Akzente. Wie gelingt es, jedes Mal punktgenau umzuschalten? Eine große Hilfe sei die in den Proben erarbeitete Gestik und Mimik für die betreffende Rolle. „Der Körper verbindet eine bestimmte Haltung mit Text und mit dem Akzent. Ähnlich wie ein Tänzer, bei dem sich der Körper an eine Bewegung erinnert, wenn eine bestimmte Musik ertönt.“

Wann fällt aus dramaturgischer Sicht die Entscheidung, eine Figur Dialekt sprechen zu lassen? Manche Stücke sähen bereits im Text verschiedene Dialektfärbungen vor; manchmal werde ein Dialekt auch schlicht eingesetzt, um einen komischen Effekt zu erzielen, erläutert Wolfgang Behrens, Dramaturg am Hessischen Staatstheater. Im Fall der „Faust“-Inszenierung habe sich Regisseur Tom Gerber dafür entschieden, Gretchen auf zwei Sprachebenen sprechen zu lassen: Mit sich alleine spricht es Hessisch. Im Umgang mit höhergestellten Persönlichkeiten ist es jedoch um Hochdeutsch bemüht. Darstellerin Christina Tzatzaraki wurde für die hessischen Passagen von Behrens gecoacht. „Die größten Tücken lagen hier bei bestimmten Vokalfärbungen. Die hessische Färbung von Herr etwa (,Hä’) ist für einen Nicht-Hessen gar nicht so leicht zu treffen“, hat er dabei festgestellt. Das Training selbst bestand darin, Wort für Wort durchzugehen und die Aussprache festzulegen. „Um auch die Satzmelodie zu trainieren, habe ich unsere hessische Textfassung recht langsam und in leicht überzogener Weise auf ihr Smartphone aufgesprochen. Letztlich haben wir nicht mehr als ein paar Stunden darauf verwendet.“ Seiner Erfahrung nach könne grundsätzlich jeder Schauspieler bis zu einem gewissen Grad einen Dialekt erlernen, so wie auch jeder eine Sprache erlernen kann. „Die Parallele zeigt aber auch, dass es natürlich zu einem guten Teil Talentsache ist.“