Starker Einstand für Schauspieler Erwin Aljukic in Darmstadt

Dreizehn Jahre gehörte er zum Ensemble der TV-Serie „Marienhof“, aber die Arbeit auf der Bühne ist für ihn spannender: Erwin Aljukic spielt am Darmstädter Staatstheater. Foto:  Andreas Kelm

Dass das Staatstheater Menschen mit Behinderung ins Ensemble holt, ist für ihn revolutionär: Erwin Aljukic, bekannt durch „Marienhof“, spricht über seinen Start in Darmstadt.

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DARMSTADT. Kritiken können verletzend sein. Ein schwerst behinderter Kleinwüchsiger schleppe sich über die Bühne, schrieb eine Zeitung nach der Premiere von Messiaens Franziskus-Oper in Darmstadt. Schwerst behindert, na schön, so kann man es sehen, Erwin Aljukic (41) leidet an der Glasknochenkrankheit, der Körper ist klein und unregelmäßig gewachsen. Aber dass er sich über die Bühne schleppe: Das ist nun wirklich ungerecht, denn es ist ja gerade die staunenswerte Körperbeherrschung, die geradezu tänzerische Eleganz und Klarheit, die sein Spiel auszeichnet.

Es ist ein faszinierender Augenblick, wenn Aljukic den eisernen Vorhang betastet, als wolle er das Geheimnis des Glaubens ergründen, das sich auf der Bühne abspielt. Regisseur Karsten Wiegand hatte diese Szene erst kurzfristig in seine Inszenierung eingebaut, nachdem er Aljukic in „Moby Dick“ gesehen hatte. Das war für den Schauspieler tatsächlich ein spektakulärer Einstand im Darmstädter Ensemble: Wie er seinen artistisch kontrollierten Körper in die Choreografie des Ensembles einbringt, wie seine starke Ausstrahlung das Spiel der beständig wechselnden Rollen verbindet, ist sehr, sehr beeindruckend. Und wenn er als Schiffsjunge in Seenot im stählernen Knochengerüst des Bühnenbildes hängt, liegt in seinem zarten Hilferuf die Verzweiflung der gesamten Mannschaft. Es ist, als würde nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper diesen Theaterabend mitdenken.

Das erfordert höchste Konzentration und ist auch körperlich strapaziös. Die Proben dafür waren gar nicht so einfach, erzählt der Schauspieler. Regisseure sind ja unsicher, wie sie ihn einsetzen können. „Du kannst ja laufen, Erwin!“, staunte neulich ein Kollege, als er aus dem Rollstuhl aufstand, auf den er für die meisten Wege angewiesen ist. Und ein Regisseur fragte: „Was kannst du denn alles?“, als solle ein Artist seine Kunststücke vorführen. Erwin Aljukic kennt seinen Körper sehr gut, er ist auch als Darsteller im Tanztheater gefragt, im November gastiert er mit „Every Body Electric“ in Düsseldorf, einer Choreografie von Doris Uhlich, die im Tanzquartier Wien Anfang des Jahres Premiere hatte.

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Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach. „Ich weiß, was möglich ist“, sagt Aljukic, „meine Mitspieler wissen es nicht.“ Und so kann er seine Körper- und Spielfantasie einbringen in Inszenierungen. Im Theater, wie er es versteht, wird der Schauspieler zum Mitschöpfer einer Inszenierung. Aljukic kennt es auch anders, dreizehn Jahre lang gehörte er zum Ensemble der TV-Dauerserie „Marienhof“. Drehbücher schreiben viel mehr vor als Theatertexte, man liefert das Erwartete ab. „Theater ist selbstbestimmter“, sagt der Schauspieler, „es erfüllt mich viel mehr.“

Von früh an hat ihn diese Liebe zum Theater begleitet. Der Leiterin der Theater-AG am Ulmer Gymnasium fiel er als treuer und faszinierter Zuschauer auf. Ob er nicht mitspielen wolle? Klar, dass diese Frage auch Angst auslöste. Als behinderter Fünftklässler in einer Theatergruppe erfahrener Oberstufenschüler mitzuspielen, könnte das gutgehen?

Auch später stand er vor Entscheidungen, Wagnisse einzugehen und die Angst zu überwinden, „das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben“, sagt der Schauspieler. Er griff zu – und spielte in der Theater-AG so erfolgreich, dass einige Inszenierungen ins Ulmer Podium gelangten, wo der Schauspieler in Amphitryon auftrat oder in der „Dreigroschenoper“.

Ein Modedesign-Studium kam nicht zustande, der Berufsberater im Arbeitsamt warf Aljukic raus, als der hartnäckig diesen Wunsch äußerte. Aber an einer Schule für Modejournalismus kam er an, es gab viele Treppen und keine Aufzüge. „Wo ist das Problem?“, fragte die Leiterin der Schule.

Diesen Lieblingssatz hörte er auch in Darmstadt wieder, als Schauspielchef Oliver Brunner ihn ins Ensemble holte; er hatte einen Film gesehen, den Aljukic mit der Schauspielerin Jana Zöll gedreht hatte, beide haben die gleiche Krankheit, vor der Kamera wagten sie „sehr freizügige Szenen“. Dass Schauspieler mit Behinderung am Staatstheater eine Chance haben, ist revolutionär, sagt der Schauspieler – und hofft, dass dieses Vorbild Schule macht.

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Aus kleinen Dingen eine Welt erbauen

Künstlerisch zahlt es sich aus, das zeigt sein Einstand. Woher aber kommt die Spielfantasie, die er auf die Bühne bringt? Aljukic überlegt ein Weilchen. Als Kind war er viel in Krankenhäusern, erzählt er, besuchte eine Spezial-Kita und eine Spezial-Grundschule. „Ich hatte wenig Kontakt mit Nichtbehinderten“, sagt er, „dadurch entwickelt man viel Fantasie, denn man lernt, sich aus kleinen Dingen eine Welt zu bauen. Und man lernt, mehr auf seine Intuition zu hören.“ Und nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Vielleicht ist das die wichtigste Gabe am Theater.“