Samuel Koch als Judas im Mannheimer Schauspiel

Samuel Koch als Judas Foto: Christian Kleiner

Nach vier Spielzeiten in Darmstadt debütiert der querschnittgelähmte Schauspieler in einem Monolog von Lot Vekemans am Nationaltheater.

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MANNHEIM. Am Anfang schwebt Judas wie ein Buddha im Schneidersitz im Bühnenhimmel und sieht dabei aus wie ein Theaterteufel. Kahl geschoren, faltig maskiert und mephistophelisch weiß geschminkt, lagert Samuel Koch auf einer Art Schaukel über der Bühne des Mannheimer Schauspiels. Unmerklich langsam wird er im Laufe einer Stunde herabgelassen, bis es aus der Hölle wolkt, die Schweinwerfer seine Augenhöhlen umschatten wie bei einem Totenkopf und Judas schließlich in der Versenkung verschwindet.

Seinem Schicksal kann er nicht entkommen. Judas hat sich ja selbst gerichtet, und die Welt hat ihr Urteil über ihn längst gefällt: Verräter! Doch die belgische Autorin lässt ihn auf Höllenfahrt noch mal zu Wort kommen. Auch wenn es kein Entrinnen gibt. Und dieser Judas könnte ja auch gar nicht wegrennen. Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch ist seit seinem Unfall 2010 in der Sendung „Wetten, dass…?“ auf den Rollstuhl angewiesen. Die Rolle steht ihm gut. Auch er hat sein Schicksal angenommen wie seine Figur, die am Ende eine geradezu existenzialistische Haltung gegenüber der eigenen Tat und den Konsequenzen annimmt.

Nach vier erfolgreichen Jahren am Staatstheater Darmstadt ist Koch ans Nationaltheater Mannheim gewechselt, und dort bereitet man ihm in Philipp Rosendahls Inszenierung von Lot Vekemans Monolog „Judas“ im Schauspielhaus den denkbar größten Empfang. Die breite Bühne gehört ihm allein, wobei er gleich elfmal zu sehen ist: Marina Schutte hat eine Videoinstallation aus zehn Köpfen geschaffen, auf die immer wieder die sprechenden Gesichter des Schauspielers projiziert werden: der Mensch Judas und seine vielen Erscheinungen.

Inmitten seines eigenen Elferrats schwebt Koch fast ein wenig entrückt und plaudert, als wäre er der buchstäblich abgehobene Mediator eines Glaubenskonflikts, mit dem er nach bald 2000 Jahren wohl schon abgeschlossen hat. Wegen 30 Silberlingen habe er Jesus doch nicht verraten. Im Grunde sei er nur der Erfüllungsgehilfe des göttlichen Plans. Wobei ihn angesichts der Konsequenzen das Gewissen sticht. Der Tod des Erlösers habe schließlich jahrtausendelanges Leid über die Juden gebracht. Was wenn er ihn nicht verraten hätte? „Kein Pogrom, kein Lager, kein Gas?“

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Um das Publikum in seine Überlegungen einzubeziehen, lässt Judas immer wieder das Saallicht angehen, forscht nach einem Zuschauer, der nicht gezahlt habe, fragt nach dem Anstand und nach Reue, singt leise und brüchig das Chanson „Ne me quitte pas“ und erkundigt sich, ob irgendwer die Beichte ablegen wolle. Dabei sitzt er ja selbst im Beichtstuhl zur Hölle, doch er verhält sich dabei auf leicht spöttische Art so souverän, als würde er eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Sünder leiten.

Die verstockten Sünderlein, die sich in dieser Bibelstunde natürlich nicht bekennen wollen, sind wir. Also nimmt dieser Judas, der so gar kein Schmerzensmann ist, alle Schuld auf sich – sehr gelassen und ein wenig größenwahnsinnig.