Papageno geht baden: „Zauberflöte“ am Darmstädter Woog

Tamino geht baden, die Königin der Nacht schaut vom Sprungbrett aus zu: Dorna Oladi (links) und Josephine Leracz in der „Zauberflöte?“, einer musikalischen Aufführung der Darmstädter „Theaterquarantäne“ am Woog. Foto: Dirk Zengel

Der Star des Abends ist die Kulisse: Rund ums Sprungbecken des Darmstädter Woogs und auf dem Zehnmeterturm spielt die „Theaterquarantäne“ ihre Fassung von Mozarts „Zauberflöte“.

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DARMSTADT. Sie wird doch nicht? Oh doch. Gerade hat Josephine Leracz als Königin der Nacht die Rachearie angestimmt, und jeder einzelne Ton ist eine Vergeltung an den Ohren des Publikums. Jetzt kommt der Koloraturenteil, gefürchtet bei Sängern und mehr noch bei den Zuhörern, aber Leracz pflügt unerschrocken durch die schiefen Töne. Geht ja auch gar nicht schlecht, wenn man dazu die Silben Pa-mi-mi-mi-mi-mi-mi-na singt. Auf seiner Luftmatratze im Wasser trällert Pagageno fröhlich mit.

Klingt nach einem erfolgversprechenden Programm zur Vergrämung der Nilgänse, ist aber die neue Inszenierung der freien Darmstädter Gruppe „Theaterquarantäne“, die sich Mozarts „Zauberflöte“ vorgenommen und vorsichtshalber ein Fragezeichen hinter den Titel gesetzt hat. Dabei ist in gerade mal einer guten Stunde Spieldauer erstaunlich viel übrig von der Oper, die Generationen von Regisseuren ratlos gemacht hat mit ihrer Mixtur aus Zauberposse und Mysterienspiel.

Wer hier tief schürft, findet schnell den seichten Grund, und diesen Fehler macht die Darmstädter Inszenierung nicht. Klar, der Priester Sarastro darf mal vom Mysterium der Liebe schwärmen, was bei Adrian Andres gleich ein wenig komisch klingt, da er den weisen Mann ein paar Minuten zuvor sehr deftig als Zuhälter Paminas karikiert hat. Aber insgesamt hält es die Aufführung mehr mit der Philosophie eines Papageno, der die Vielfalt des Menschen mit einer Pizza erklärt. Der Teig ist immer gleich, aber der Belag verschieden. Papageno mit viel Käse, Tamino mit Meeresfrüchten, Pamina ist eine Quattro Stagioni. Passt ja auch nicht schlecht zum schillernd vielfältigen Charakter, den Victor Schönrich, die Goldlockenperücke auf dem Trotzkopf, dieser Figur verleiht. Während Dorna Oladi perfekt als knabenhaft nachpubertärer Tamino durchgeht.

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Die Königin der Nacht taucht gleich in zweierlei Gestalt auf, die Furie der Josephine Leracz hat einen finster geharnischten Krieger zur Seite, ein Höhepunkt im fantasievollen Kostümbild von Sascha Weitzel. Burak Uzuncimen ist ein Monostatos mit komischer Lache und starker Präsenz, ein guter Kumpel Papagenos, der wie in den allermeisten Zauberflöten-Aufführungen der Liebling des Publikums wird, auch wenn er keine Vögel fängt, sondern als Straßengauner Touristen ausnimmt, wovon Nicolai Bitzen mit ansteckender Fröhlichkeit und großem Witz im Körperspiel erzählt. Die bequemste Rolle hat Kristin Schmidt als Schlange, die ganz am Anfang dem Prinzen zusetzt und den Rest des Geschehens vom Badetuch aus verfolgen kann. Insgesamt zeigt dieses Ensemble große Qualitäten, auch stimmlich, obwohl auf der riesigen Open-Air-Spielfläche nur selten auf elektronische Verstärkung vertraut wird.

Denn der eigentliche Star des Abends ist die von Sascha Weitzel und Victor Schönrich eingerichtete Bühne: Gespielt wird am Woog rund ums Sprungbecken und auf dem Zehnmeterturm, der zunehmende Mond sorgt für eine malerische Kulisse. Und so, wie die Inszenierung als Gemeinschaftswerk der Theatergruppe keinen Witz der schlichteren Sorte liegenlässt, wird auch jede Gelegenheit zum Baden genutzt. Bei anderen Theateraufführungen stehen Feuerwehrleute bereit, hier sind es die Mitglieder der DLRG.

Gebraucht werden sie nicht, die Schauspieler schwimmen manierlich und garantieren das Vergnügen im Wasser und auf dem Land. Das ist ein netter und fantasievoller Spaß, zu dem Carmen Ng an der Hammondorgel auch ein paar Mozart-Melodien beisteuert. Ganz am Anfang das Fugenthema der Ouvertüre stockend buchstabiert, später Paminas kurzzeitige Trauer in die originalen Harmonien einbettet. So kann man sich Mozart gefallen lassen.

Das Schöne ist, dass bei der Sinnsuche nicht tief getaucht wird. Dabei wird auch die Geschichte ziemlich komplett erzählt, ein junges Paar muss Prüfungen bestehen, wobei die gefährlichste ein Abstieg vom Sprungturm ist, und wenn alles erledigt ist, wird die Erzählung auch ohne dramaturgischen Knalleffekt beendet.