Neuauflage des „Migrantenstadls“?

Bei der Biennale wurde die Wartburg beim „Migrantenstadl“ sogar zur Boxarena. Laut Intendant Uwe Eric Laufenberg wird jetzt am Staatstheater darüber diskutiert, hier öfter einen „Migrantenstadl“ auf Zeit einzurichten. Foto: Marcel Lorenz

Die Wartburg als multikulturelles Zentrum – das kam bei der Biennale gut an. Jetzt wird am Theater darüber diskutiert, das temporär zu einer festen Einrichtung zu machen.

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WIESBADEN. Die Wartburg als Zentrum für Menschen unterschiedlichster Herkunft – der „Migrantenstadl“ der Biennale machte es möglich. Die Aktivistin Tunay Önder hat dabei elf Tage lang die Außenspielstätte des Staatstheaters multikulturell bespielt. Das wird jetzt auch nach der Biennale ein Thema: Laut Uwe Eric Laufenberg diskutiere man zurzeit, in der Wartburg temporär immer mal wieder eine Art „Migrantenstadl“ einzurichten, so der Staatstheater-Intendant im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Das Westend hat jetzt eine Anspruchshaltung“

Bei der Biennale sei das sehr gut angenommen worden, zog Kuratorin Maria Magdalena Ludewig nach dem Festival Bilanz: „Ich glaube, wenn man einmal einen Ort als eigenen erlebt hat, wird man auch in Zukunft den Weg dorthin finden.“ Es sei wichtig gewesen, dass die Beteiligten gespürt haben, dass dem, was ihre Kultur ausmacht, auch ein Ort gegeben werde. Das Westend habe daraus eine Anspruchshaltung abgeleitet, „das ist eine positive Entwicklung“.

Der „Migrantenstadl“ der Biennale habe es geschafft, dass in der Wartburg ganz unterschiedliche Menschen den Mut hatten, ihre Meinung und ihre Sorgen mitzuteilen, findet auch Erdal Aslan („Mensch!Westend“): „Gerade wegen des Rechtsrucks in der Gesellschaft sind meiner Meinung nach solche Orte in einem Einwanderungsland ungemein wichtig, damit sich Menschen verschiedener Herkunft begegnen und sich kulturell austauschen können.“ Der leitende Redakteur der monatlich erscheinenden Publikation für Menschen unterschiedlicher Herkunft hält viel von der Idee, hier weiterzumachen. Die Wartburg würde sich aus seiner Sicht für eine solche Nutzung perfekt eignen: „Sie ist ein Ort, wo sich normalerweise das Bildungsbürgertum der Mehrheitsgesellschaft tummelt. Um ideologische Grenzen aufzubrechen, muss genau so ein Ort gewählt werden – um diese wichtigen Perspektiven auch geografisch mitten in die Gesellschaft zu holen und sie nicht in ein sogenanntes Migrantenviertel abzuschieben.“

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Ein Gedanke, der auch Margarethe Goldmann umtreibt. Die ehemalige Wiesbadener Kulturdezernentin und Sprecherin des Arbeitskreises Stadtkultur fordert eine öffentliche Debatte darüber. Sie geht in ihren Überlegungen aber noch einen Schritt weiter: Wenn man es ernst meine „mit der Vielfalt im Kulturleben und den Veränderungen, die die Migration nach sich ziehen müsste, um zu mehr Integration zu kommen, dann müssen auch Räume vielleicht neu verteilt werden“, findet sie. Das Staatstheater sollte den Biennale-Gedanken zu Ende denken, es könnte ja erhebliche Programmbeiträge zu einem solchen Kulturzentrum leisten: „Ich würde das als einen großen Aufbruch in die Zukunft begreifen.“

Für Uwe Eric Laufenberg sei es „völlig ausgeschlossen, auf die Wartburg gänzlich zu verzichten“. Ebenso wie seinem Vorgänger Manfred Beilharz ist ihm vertraglich eine Außenspielstätte zugesichert. Derzeit werde am Theater darüber diskutiert, in jeder Spielzeit eine Art „Migrantenstadl“ auf Zeit einzurichten, als kleines, konzentriertes Festival von ähnlicher Dauer wie bei der Biennale. Ihm sei es wichtig, dass das Staatstheater insgesamt für alle Bevölkerungsgruppen offen sei: „Und wir bieten sehr viel für Menschen mit Migrationshintergrund.“ Das reiche von Deutschkursen der Schauspieler bis zu Produktionen wie dem Schauspiel „Wir werden unter Regen warten“, in dem Ihsan Othmann sieben Geschichten der Flucht erzählt.

Türkisches Stück mit deutschen Untertiteln

Und auch in der aktuellen Spielzeit gibt es neue Angebote: Am 9. Dezember kommt eine türkische Produktion mit deutschen Untertiteln ins Kleine Haus: „Ist schon o.k. – Üstü Kalsin“ vom Tiyatro Frankfurt. Und am 19. Dezember gibt es ein Wiedersehen mit Idil Nuna Bydar alias „Jilet Ayse“. Die Kabarettistin war beim „Migrantenstadl“ dabei. Sie kommt ebenfalls ins Kleine Haus. Integration geht also nicht nur in der Wartburg.