Nadia Beugrés zeigt ihr Solo „Quartiers Libres“ in den...

Verfangen in einem Vorhang aus Plastikflaschen: Nadia Beugré beim Solo „Quartiers Libres“. Foto: Yi-Chun Wu

Die ivorische Tänzerin und Choreografin entfaltet bei zwei Gastspielen in Darmstadt enorme Wucht. Ihre Performance ist buchstäbliche eine Befreiungsbewegung.

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DARMSTADT. Auf den ersten Blick sieht dieses Solo aus, als wäre es eine Öko-Performance über all den Plastikmüll in den Meeren. Die ivorische Tänzerin Nadia Beugré steht unter einem Vorhang aus Plastikflaschen, die sich wie ein erstarrter Wasserfall von der Decke der Darmstädter Kammerspiele auf den Boden ergießen. Als sie an der knisternden Konstruktion zerrt, löst sich das Flechtwerk aus Kunststoff, und auf der Bühne sieht es aus wie auf einer Müllkippe.

Nach und nach stopft sich Beugré einen großen schwarzen Müllsack in den Schlund und zieht sich dann ein Gebinde aus Plastikflaschen über den Kopf, das sie – halb Halskrause, halb Tutu – wie ein Seeigel auf Beinen erscheinen lässt. Nein, diese Frau schont sich nicht. Und wenn sie in ihrem Stück „Quartiers Libres“ Mutter Natur darstellen sollte, dann sieht man, was wir alle ihr so zumuten.

Dabei trägt das 2010 entstandene Stück gar nicht dezidiert eine künstlerische Umweltplakette. „Quartiers Libres“ (freie Orte) handelt vorgeblich eher davon, wie sich Menschen Freiraum erobern. Nadia Beugré, die über 20 Jahren tanzt, seit elf Jahren choreografiert, kann diesen Kampf schon rein körperlich eindrucksvoll beglaubigen. Zum zweiten Mal nach 2017, als sie auf Einladung des Hessischen Staatsballetts „Legacy“, ein Stück über Frauenaktivistinnen in der Elfenbeinküste zeigte, gastierte sie nun am Mittwoch und Donnerstag in Darmstadt: eine kolossale Erscheinung. Breites Kreuz, mächtige Schenkel.

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Nein, mit dieser Frau legt man sich nicht an. Dabei trägt sie zunächst ein Abendkleid und silberne High Heels und singt auf Swahili das Lied „Malaika“ (Engel), lässt auch einzelne Zuschauer in den Refrain einstimmen. Doch die Stimmung kippt, Alarmsirenen schrillen, Beugré schält sich aus ihrem Kleid, steht in Unterwäsche als schwarze Urmutter auf einem Podest und gerät in Ekstase. Ihre Dreadlocks fliegen, das Mikrofonkabel, das sie wie ein Lasso trägt, wirbelt so wild, dass sie sich verheddert. So schnell ist es aus mit der Freiheit. Bald schon schleppt sich Nadia Beugré als erschöpfte Kreatur, gefangen von Schnüren, zwischen die Zuschauer, die sie befreien.

Nun gehören ihr die Kammerspiele in ihrer ganzen Breite von einer Wand auf der einen zum Vorhang aus Plastik auf der anderen Seite. Die Zuschauer müssen nicht sitzen bleiben, können ihr folgen. Ein Stück, das „freie Plätze“ heißt, muss eben auch freie Platzwahl bieten. Wobei Nadia Beugrés berserkerhafte Bühnenfigur immer wieder vom Müll behindert wird, der hier auch eine gesellschaftspolitische Metapher ist. Als Künstlerin aber wirkt Beugré über 50 Minuten nicht so, als lasse sie sich leicht stoppen. „Ich bin ein freies Gebiet“, sagt sie in einem Statement auf dem Programmblatt. Glaubt man sofort, wenn man gesehen hat, mit wie viel trotziger Wucht diese Frau den Tanz buchstäblich als Befreiungsbewegung interpretiert.