Doppelabend in den Kammerspielen des Darmstädter...

Doktor Frankenstein wäre stolz gewesen auf die Klangperformance von Richard Haynes, die ein Monster aus Tönen schafft: Szene aus der Uraufführung von „EvE & ADINN“, im Hintergrund David Pichlmaier. Foto: Martina Pipprich  Foto: Martina Pipprich

Eigentlich tragen Orchestermusiker keine Namensschilder. Aber die knapp 20 Mitglieder des Staatsorchesters, die auf einem Podest an der linken Seite der Darmstädter...

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DARMSTADT. Eigentlich tragen Orchestermusiker keine Namensschilder. Aber die knapp 20 Mitglieder des Staatsorchesters, die auf einem Podest an der linken Seite der Darmstädter Kammerspiele sitzen, sind in der Inszenierung der neuen Oper „EvE & ADINN“ Teil der Mannschaft, die ein seltsames Forschungslabor bewacht. Dort wird Adinn gehütet, ein künstliches Wesen, das gefährlich intelligent geworden ist, weil es seinen eigenen Quellcode schreiben und sich damit gegen seinen Schöpfer erheben kann.

Klingt bekannt? Klar, gefährliche Maschinenmenschen begleiten die Kulturgeschichte seit Jahrhunderten. Gerade feiert eine Ausstellung in Frankfurt Stanley Kubricks geniale Vision „2001“, in der Adinns Kollege HAL unheilvoll eigene Wege gehen will. Die damals vorgestellte Zukunft liegt zwar hinter uns, aber die wachsende Angst vor der Macht der Algorithmen hält das Thema frisch.

Adinn also ist ein lässiges Maschinenmonster, das schlau genug ist, auch mal in die Rolle seines Schöpfers Dr. Green zu schlüpfen, Eve soll seinen Code entschlüsseln, eine Ermittlerin mit blinden Augen, der es gelingt, das verlorene Paradies zu öffnen. Die Ausstatterin Maria Pfeiffer hat es als Dschungel mitsamt Sündenapfel in eine Tresorvitrine gepackt, ein Fremdkörper in der kühlen Welt, die von einem Halbrund aus Schnüren begrenzt wird.

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Das Orchester ist auch der Maschinenraum des geheimnisvollen Instituts, das die 1976 geborene israelische Komponistin in Sivan Cohen Elias ersonnen hat. Eine Herausforderung für die Musiker, die ihre Instrumente so einsetzen, wie man es auf der Musikhochschule bestimmt nicht lernt: Da werden Harfensaiten mit einem Ball gestrichen, die Geigen bekommen Blechtöpfe vor den Korpus gesetzt, zum Schlagwerk gesellen sich Schüsseln. Es ist eine kleinteilige Collage aus kurzen melodischen Einheiten und Geräuschen, die Sivan Cohen Elias anrichtet. Es braucht einen unaufgeregt umsichtigen Dirigenten wie Johannes Harneit, um das musikalische Geschehen zusammenzuhalten, und so präzise Sänger wie David Pichlmaier und Aki Hashimoto für die beiden Hauptpartien, die nur selten wirkliche Gesangslinien haben, sondern in sprunghaften Tönen und Lauten agieren.

Zu den beiden Solisten gesellen sich weitere Sänger (Margaret Rose Koenn, Gundula Schulte, Anja Bildstein und Werner Volker Meyer), die Gegenpart und Echoraum zugleich sind. Und an der rechten Seite bedient Richard Haynes eine Klang-Hexenküche, an der Doktor Frankenstein seine Freude gehabt hätte. Erst spielt er makabres Tischtheater, dann rührt und schüttet und siebt er mit seinen Schüsseln, später gibt ein Klappergebiss den Rhythmus vor. Die Komposition liefert viele Gelegenheiten zur Aktion, und die Regie von Corinna Tetzel nutzt sie fantasievoll und auch mal mit finsterem Witz. Wahrscheinlich ist das der verrückteste Opernabend der Saison. Aber alle Aktion kann nicht verdecken, dass dieser „Mythos der Zukunft“, wie Cohen Elias ihr einstündiges Stück nennt, keine zwingende musikalische Dramaturgie entwickelt. Das gehört eher in die Kategorie interessant als überzeugend oder gar überwältigend.

Eine Lärmattacke eröffnet den Tanz

Das gilt auch für den zweiten Teil des „Code“-Abends in den Kammerspielen. 2017 hatte der Tänzer Ramon John beim Projekt „Startbahn 2017“ des Hessischen Staatsballetts die kurze Choreografie „Love Radioactive“ gezeigt. Jetzt hat er sie mit dem Zusatz „Eidolons Beginning“ weiter entwickelt. Gut 50 Minuten dauert diese Fassung, die mit noch größerem Beifall aufgenommen wurde als die Oper. Das Ensemble des Hessischen Staatsballetts entwickelt auch eine starke Bewegungsdynamik. Die Menschen, die uns hier begegnen, könnten alten oder künftigen Kriegen entronnen sein, zwei finstere Zeremonienmeister halten sie im Zaum. Die Menschen formen sich zur Gruppe und behaupten doch ihre Individuen, aber die Aneinanderreihung von Episoden bleibt im Ungefähren. Musikalisch ist erst einmal eine ziemliche Lärmattacke zu überstehen, dann weckt Schubert die zierlicheren Bewegungen, bevor der Techno-Sound die Körper kraftvoll ergreift. Am Ende siegt die Liebe, Tatsuki Takada und Elisabeth Gareis schlingen sich aneinander. Aber auch das sieht so unfroh aus wie das ganze düstere Stück.