Begegnung mit Dramatiker Tom Stoppard vor deutscher...

Unprätentiös, geistreich und philosophisch: Sir Tom Stoppard zu Besuch in Wiesbaden. Hier kommt am 15. September sein neues Stück „The Hard Problem“ heraus.Foto: Stephen Bisgrove/Alamy Stock Foto  Foto: Stephen Bisgrove/Alamy Stock Foto

Wie spricht man ihn an? Als „Sir Stoppard“ oder schlicht „Mr. Stoppard“? Korrekt, sagt der „Knight Bachelor“, ist wohl „Sir Tom“. Selbiger beendet solche...

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WIESBADEN. Wie spricht man ihn an? Als „Sir Stoppard“ oder schlicht „Mr. Stoppard“? Korrekt, sagt der „Knight Bachelor“, ist wohl „Sir Tom“. Selbiger beendet solche Überlegungen vor unserem Treffen in der Theaterkantine, indem er die Hand ausstreckt und kurzerhand sagt: „Hi Birgitta“. Damit wäre das schon mal geklärt.

Zwei Tage lang ist er da, zwei Proben hat er schon gesehen. „Es ist immer eine Freude, wenn ich das Ensemble kennenlernen kann, das ein Stück von mir spielt“, sagt der britische Dramatiker, der sein ruhiges Plätzchen auf dem Land in der britischen Grafschaft Dorset verlassen hat, um in Wiesbaden für Fragen der Schauspieler und des Regisseurs zur Verfügung zu stehen. Es ist sein Jüngstes, 2015 in London uraufgeführtes Stück „The Hard Problem“, das am 15. September in deutscher Erstaufführung am Staatstheater herauskommt. Als Chefsache: Der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg führt Regie.

Und da liege sein Stück „in guten Händen“, lobt der britische Altmeister: „Wenn man zusammen arbeitet, wird man zu Freunden.“ Stoppard, Jahrgang 1937 und 1997 von der Queen zum Ritter geschlagen, gilt als einer der vielseitigsten zeitgenössischen Autoren, mit Werken voll komplexer Dramaturgie, philosophischer Betrachtungen und pointenreicher Sprache. Neben erfolgreichen Theaterstücken wie „The Real Thing“ oder „Rosencrantz and Guildenstern are Dead“ hat er auch diverse Filmdrehbücher geschrieben, darunter für „Shakespeare in Love“ und „Tulpenfieber“, der in Deutschland gerade in den Kinos läuft. Schon vor 15 Jahren habe er dafür das Skript verfasst, erzählt Stoppard, der Dreh habe sich verzögert, „das ist beim Film oft ein richtiges Abenteuer“. In England komme der Historienfilm um die Tulpen-Manie der Niederländer erst dieser Tage ins Kino.

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Das fertige Ergebnis habe er selbst noch gar nicht gewesen, aber die Verbindung zwischen einem Skript und einem Film sei oft sehr unterschiedlich: „Als Autor ist man da ein Diener des Projektes.“ Lange hatte man auf ein neues Bühnenstück von ihm gewartet: Fast neun Jahre liegen zwischen „Rock‘n‘Roll“ und „The Hard Problem“. Er sei dazwischen sehr eingespannt gewesen, unter anderem durch das Drehbuch für „Anna Karenina“ in der Regie von Joe Wright, erzählt Stoppard. Für „The Hard Problem“ habe er viel gelesen: Wissenschaftliche und philosophische Lektüre um die Frage, wie Körper und Geist zusammenhängen – und ob die Seele Materie ist. Und: Hat er eine Antwort gefunden? „Leider nein – niemand weiß es bis jetzt. Aber man hat das Gefühl, es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Wissenschaft dieses Rätsel lösen wird“, sagt Stoppard. Sein Werk wolle dazu Fragen aufwerfen, „die Antworten geben die Zuschauer“.

In seinem Stück gebe es auch einen Charakter, einen Banker, der glaube, dass das Gehirn wie ein Computer funktioniere, aber seine Erfahrungen in der Welt der Finanzen „passen nicht zu seinem Glauben, weil die Märkte irrational sind“. Wie denkt er denn über Künstliche Intelligenz? „Die gegenwärtige Diskussion in den Zeitungen suggerieren unvorstellbare Möglichkeiten, mit Maschinen, die selbst lernen von ihren Daten,“ sagt Stoppard, der als Beispiel jenen Computer nennt, der den Go-Weltmeister schlägt. Vielen Menschen mache das Angst: „Sie befürchten, dass Maschinen schneller und kompetenter sind und ihre Arbeit übernehmen.“

Er selbst mache sich keine Sorgen, „nicht in meinem Alter – vielleicht meine Kinder“. Aber schon heute sei es ja so, dass Computer Flugzeuge landen könnten. Er glaube daran, dass wir im Zeitalter einer großen Veränderung leben, dass kluge Maschinen zwar weitere Aufgaben übernehmen, „aber das kann keine ethischen Einordnungen, kein Gericht ersetzen“.

Welche Pläne hat er jetzt? „Ich möchte ein neues Stück schreiben.“ Worüber, das weiß er noch nicht. Zuerst komme nun die deutsche Erstaufführung, die sei ihm wichtig. Dazu reise er gerne wieder nach Wiesbaden, „um meine neuen Freunde zu treffen“. Die dürften sich freuen über den prominenten Premierenbesuch. Und auf Tom.