Gounods C-Dur-Requiem in der Paulskirche

Dem Himmel näher als der Hölle: Der Musikverein Darmstadt zu Gast in der Paulskirche.

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DARMSTADT. Was ist das für ein Klangrätsel, das der Kammerchor des Musikvereins in Kreisaufstellung zum Altar hin ausgerichtet anstimmt? Es ist Knut Nysteds Bearbeitung einer Zeile des Bachchorals „Komm süßer Tod“, die wie ein Epithaph dem Konzertabend vorangestellt ist. Erstaunlich, wie bei diesem A-cappella-Highlight aus einer simplen kompositorischen Spielerei etwas Neues wird. Durch zeitversetzte Verlängerung der Notenwerte in den Chorstimmen wird ein dichtes dissonantes Klanggewebe gemischt, mit dem die ausdrucksstarken Sänger die Hörer zu höchster Konzentration inspirieren.

Die braucht es, um dem von der Dirigentin Elena Beer gewählten anspruchsvollem Programm zu Allerheiligen zu folgen, sechs Werken des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit feinen variantenreichen Dirigiergesten gelingt Beer präzises Ein- und Ausklingen des Chortons in Duruflés vier gregorianischen Motetten. Die impressionistisch angehauchten Wendungen gelingen beeindruckend, auch wenn die Chorsoprane intonationsmäßig etwas im Sinkflug waren. Beer korrigierte souverän. Vier aus dem Staatstheater bekannte und bewährte Solisten – Anja Vincken (Sopran), Agata Siebert (Alt), Mark Adler (Tenor), Werner Volker Meyer (Bass) – ließen stimmungsvoll Herzogenbergs „Um Trost war mir sehr bange“ von der Orgelempore erklingen, wobei sich die Sopranistin mit unruhigem Vibrato abhob von der Homogenität des warmen Quartettklangs. Als instrumentale Überleitung interpretierte Joachim Enders den komplexen Orgelchoral in h-Moll von César Franck. Enders artikuliert die Ostinati dieser Orgelfantasie mit großer Präzision, nach zurückhaltend verinnerlichtem Beginn lässt er den Choral kantabel erklingen, bevor er nach dem fugierten Tongewebe mit seinen zarten Arabesken das Werk licht und mystisch ausklingen lässt.

Klangschönheit braucht keinen Pomp

Hauptwerk des Abends war das Requiem in C-Dur von Charles Gounod in der intimen Fassung für Chor, Vokalsolisten und Orgel. Die bekenntnishafte Komposition des tief gläubigen Komponisten ist persönlich gefärbt. Vom Schrecken des Jüngsten Gerichts ist nichts zu hören, das Werk in C-Dur ist dem Himmel näher als der Hölle. Beer formt reflektiert eine beeindruckende Satzfolge, transparent und licht. Die häufig synchrone, blockhafte Stimmführung klingt richtig rund, die Crescendi des klanggewaltigen großen Chors tönen wie mächtig entstehendes Tongewölk. Die Gesangssolisten integrieren sich mit deklamativer Kraft.

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Beer führt so konzentriert durch die subtilen harmonischen Schattierungen, dass man dieses Werk in seiner Schönheit ohne Pomp am liebsten sofort ein zweites Mal hören möchte. Rheinbergers Abendlied entließ den Zuhörer herzerfreut in die Zeit der langen, dunklen Abende.

Von Dorothea Buchmann-Ehrle