Eleganz trifft Energie: Pianist Jan Lisiecki in Wiesbaden

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki ist regelmäßiger Gast des Rheingau Musik Festivals. Foto: RMF/Ansgar Klostermann

Mit 23 Jahren ist Pianist Jan Lisiecki international vielfach konzerterprobt. Trotzdem wirkte sein Auftritt in Wiesbaden beim Rheingau Musik Festival kein bisschen abgebrüht.

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WIESBADEN. Es gibt keinen guten Augenblick dafür, ein Konzert mit Handyklingeln zu stören. Aber es gibt besonders schlechte. Am Ende des Mittelsatzes von Beethovens fünftem Klavierkonzert zum Beispiel, wenn Jan Lisiecki die Diskant-Tasten geradezu streichelt, um im unendlich zarten Klang einerseits entrückte Ruhe zu finden, andererseits die Spannung für den Übergang ins Finale aufzubauen. Es ist auch noch ein ziemlich fieser Klingelton, den die Akustik des Thiersch-Saals im Wiesbadener Kurhaus gut zur Geltung bringt. Aber Lisiecki lässt sich nichts anmerken. Er ist mit seinen 23 Jahren längst zum Konzertprofi herangereift, auch wenn er kein bisschen abgebrüht wirkt und beim mächtigen Beifall noch so jungenhaft unsicher ausschaut wie ein Abiturient nach der gelungenen Prüfung.

Der kanadische Pianist ist regelmäßiger Gast des Rheingau Musik Festivals. Am Freitagabend spielte er Beethovens Es-Dur-Konzert zum Wiesbadener Saisonfinale, und er belegte erneut seinen Ausnahmerang unter den vielen jungen Klaviertalenten: Technisch versiert, auch wenn ganz zu Beginn das Figurenwerk im vielgriffigen Satz noch transparenter hätte klingen dürfen. Dann aber stürzt er sich mit markantem Klangprofil in die kraftvoll angelegten musikalischen Entwicklungen, verleiht seiner Artikulation mit energischen Kopfbewegungen Nachdruck, ist zugleich in jedem Augenblick bereit, den poetischen Gehalt eines Augenblicks für den Hörer sinnfällig zu entdecken.

Lisiecki verbindet unaufdringliche Eleganz mit lustvollem Interesse an der Arbeit mit dem musikalischen Material. Und mit diesem Talent übernimmt er ganz selbstverständlich die Gestaltungshoheit im Zusammenspiel mit der Filarmonica della Scala, dem Konzertorchester des Mailänder Opernhauses, dessen Leitung für den verletzten Christoph Eschenbach dessen russischer Kollege Andrey Boreyko übernommen hatte. Der bereitete ein manchmal zu wattig-weiches Klangbett für das delikate Klavierspiel, zeigte gleichzeitig das nötige Gespür für die intimen Dialoge zwischen Orchester und Solist, wenn die gezupften Streicher mit dem feinen Klingeln in hohen Klavierlagen wunderbar korrespondieren.

Die Führung lag freilich immer bei Lisiecki, der von der vordersten Kante des Hockers seine Spannung aufbaute, immer energetischer wirkte als der bisweilen etwas behäbige Orchesterpart, und dem selbst in raschen Läufen das Kunststück gelang, jeden einzelnen Ton wichtig erscheinen zu lassen.

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Mit Antonín Dvoráks achter Sinfonie kamen die Mailänder Musiker stärker zur Geltung. Unter Boreykos Leitung gelang ihnen eine klangsatte Interpretation des sinnlichen Werkes, das die Aufmerksamkeit mit vielen schönen Details fesselte. Boreyko ließ im ersten Satz Dvorák mal wie Bruckner klingen, bewies im Formulieren einzelner Motive größeres Geschick als in der formalen Verbindung. Aber dieses situationsbezogene Musizieren hat den Vorzug der unmittelbar packenden Wirkung, etwa bei den dramatischen Aufgipfelungen im Adagio. Und im Finale wagten die Musiker regelrecht rumpelige Folklore-Anklänge, die sie in einem slawischen Tanz aus Dvoráks op. 46 noch einmal steigern konnten; eigens für diese Zugabe war das Schlagwerk noch um zwei Musiker verstärkt worden.