Bruder Jakob geht auf Wanderschaft

Organist Olivier Latry von Notre-Dame de Paris gibt ein eindrucksvolles Konzert in der Darmstädter Johanneskirche

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DARMSTADT. Man kann sicher darüber streiten, ob die Beleuchtung des Chorraums in wechselnden bunten Farben nötig ist. Aber dass vor dem Altar der Johanneskirche eine Leinwand steht, die das Geschehen vom Spieltisch der Steinmeyer-Orgel zeigt, ist eine gute Idee. Man kann also auch sehen, wie zögerlich der letzte Programmpunkt des Konzerts am Donnerstag beginnt. Olivier Latry spielt ein paar Töne an, zieht die Hände aber wieder zurück. Dann probiert er es noch einmal, findet rasch zur Melodie des Bruder-Jakob-Kanons und treibt den Erregungspegel hoch. Immer wieder fliegt die Hand zu den Register-Schaltern, Improvisieren heißt für diesen Organisten, die Klangmöglichkeiten auszureizen. Dabei kommt die spielerische Motivarbeit nicht zu kurz, Bruder Jakob zieht durch alle Stimmen, wird zerlegt und moduliert, blitzt immer wieder heraus aus dem stets neu gemischten Klangfarbengemälde.

So gelingt ein grandioses Finale dieses besonderen Konzerts. Olivier Latry, Titularorganist von Notre-Dame de Paris und erfahren an vielen Orgeln der Welt, ist ein Virtuose, bei dem man nicht nur über Fingerfertigkeit staunt. Sein eigenwilliger Zugriff lässt auch bekanntere Stücke völlig neu erklingen. In Johann Sebastian Bachs ausladendem Es-Dur-Präludium BWV 552 gelingen schöne Echo-Effekte, man staunt darüber, wie Latry die dynamische Steigerung aus der Stimmverdichtung heraus entwickelt.

Viele schöne Überraschungen

Den Choral "Es ist ein Ros entsprungen" in der Bearbeitung von Johannes Brahms verpackt Latry mit großer Diskretion in Samt und Watte, in Marcel Duprés Präludium und Fuge op. 7,3 bereitet er ein feingliedrig flirrendes Klangbett für die schöne Melodie, um im eingängigen, energiereich formulierten Fugenthema den vitalen und musikantischen Charakter vorzugeben. Es ist ein Konzert, das aufmerksamen Hörern viele schöne Überraschungen bereitet, dafür gab es großen Beifall und Bravorufe.

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Das Programm war eine einzige Entdeckungsreise des Organisten durch die Klangmöglichkeiten dieses Instruments - ob er in Jehan Alains meditativem Nachspiel zum Abendgebet durch die dynamischen Abstufungen Raumwirkung erzeugte oder in der "Evocation II" von Thierry Escaich markante Akkorde über die pulsierenden Pedaltöne setzte. Bernhardt Brand-Hofmeister, Stammorganist der Steinmeyer-Orgel, dürfte seinen Spaß gehabt haben - er ist ja selbst jedes Mal aufs Neue dabei, das ihm vertraute Instrument neu zu entdecken.