Biblisches Oratorium im Darmstadtium

Klare Stimme für die Trauer: Sopranistin Xenia von Randow beim Karfreitagskonzert im Darmstadtium. Foto: Andreas Kelm

Seltenes und Wohlbekanntes in glücklicher Kombination: Beim Karfreitagskonzert seines Chors bringt Wolfgang Seelinger neben anderem Beethovens „Christus am Ölberge“ zu Gehör.

Anzeige

DARMSTADT. Es ist ein biblisches Oratorium, aber erregte Streicher-Tremoli, ruppige Bläserstöße, suchende Holzbläser und geheimnisvolle Paukenschläge suchten gleich zu Beginn die Nähe zum Musikdrama: So eröffnete Wolfgang Seeliger, der Leiter und Gründer des Darmstädter Konzertchores, mit dem zuverlässig und homogen musizierenden Beethoven-Akademie-Orchester das Karfreitagskonzert im Darmstadtium. In Ludwig van Beethovens „Christus am Ölberge“ geht es weniger um das Passionsgeschehen, sondern um die Befindlichkeiten der Beteiligten, musikalisch gezeichnet durch Seraph, Jesus und Petrus (Gesangssolisten) sowie Engel, Krieger und Jünger (Chor).

Kriegerzorn trifft auf die Bitte um Erbarmen

Bangigkeit, Todesangst und Qual bestimmen die Ausdrucksskala, bevor sich der Erlösungsgedanke im finalen Jubelchor durchsetzt. In den Solopartien des seraphischen Engels und des Christus tönen Xenia von Randows hell timbrierter Sopran und Rolf Romeis weich geführter, flexibler Tenor auf erhöhten Podesten inmitten des Orchesters, während Claudius Muths kerniger Bass als Petrus vor der Cellogruppe zürnt. Als Krieger mit aggressivem Potenzial trumpfen die Herren des Konzertchors, klanglich vorteilhaft seitlich nach vorn gerückt, grandios auf, konterkariert von einer kleinen Gruppe der Jünger, die den militanten Attacken die Forderung nach Erbarmen entgegensetzen. Der abschließende Engel-Chor gerät, die Intensität des „Fidelio“-Finales vorwegnehmend und im Crescendo-Sog von einem Rossini-Lächeln begleitet, funkelnd im stiebenden Jubelgesang.

Auch Mozarts unvollendetes „Requiem“, hier in der Überarbeitung des verstorbenen Darmstädter Professor Karl Marguerre und seiner Enkelin Dorothee Heath, ist bei Wolfgang Seeliger in besten Händen und durchweg mit plakativen Kontrasten und glühender Intensität dramatisch bestimmt. Die Gesangssolisten – zu den bereits bei Beethoven singenden Künstlern kommt die Altistin Sarah Mehnert hinzu – fügen sich harmonisch in diese Konzeption ein. In den Chorsätzen zielt Seeliger mit suggestiver Zeichengebung auf Strahlkraft und klangliche Opulenz der annähernd 70 Sängerinnen und Sänger („Rex traemendae“, „Confutatis“), basierend auf einem breit gefächerten gestischen Vokabular. Gleichzeitig gehören eine klare Diktion und Koloraturen-Geläufigkeit in den polyphonen Passagen („Kyrie“) zu den chorischen Qualitäten.

Anzeige

Die Schlusstakte verdeutlichen eindringlich, dass Seeliger bei der Suche nach zwingenden Ausdruckswerten keinerlei Extreme scheut: Eine schier endlos währende Fermaten-Pause sorgt für Höchstspannung, die versöhnende Zurücknahme des archaisch strengen Schluss-Akkords und die lange andauernde, respektvolle Stille vor dem dankbaren Applaus sind Belege für Seeligers stetes Bemühen, die Botschaft hinter einem Werk zu vermitteln und eine enge Verbindung zwischen Bühne und Publikum zu schaffen.