Unberührt und unbeschadet – Sabine Huttel liest aus...

Sabine Huttel liest aus ihrem Roman „Ein Anderer“, die Moderation hat Helmut Nehrbaß übernommen. Foto: Jörg Halisch

„Ein Anderer“ hat Sabine Huttel ihren Roman über ihren behinderten Onkel genannt. Die gebürtige Wiesbadenerin stellte ihr Werk nun in der Wiesbadener Hochschul- und...

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WIESBADEN. Das Kind, der Junge, der erwachsene Mann stehen plastisch vorm Auge, wenn Sabine Huttel Figur und Verhalten des Ernst Kroll beschreibt. Die Person ist behindert, tut sich schwer mit Sprechen, Laufen, Suppelöffeln und kommt doch unbeschadet durch die Zeiten. Ernst Kroll wird 1914 in einem Dorf in Thüringen geboren und lebt in Hessen bis in die 90er Jahre hinein. Autorin Sabine Huttel kennt diesen Mann: Sie porträtiert im neuen Roman „Ein Anderer“ ihren Onkel.

Musik unterstützt den elegischen Grundton

Hochschul- und Landesbibliotheksleiterin Marion Grabka begrüßt sie, Mitwirkende und Gäste zur Lesung im unteren kleinen Arbeitsraum des Instituts. Helmut Nehrbaß, ehrenamtlicher Kultur-Stadtrat, moderiert und Stefan Schuhkraft spielt zwischen den Lesepassagen aus einer Bach-Cello-Suite. Die Musik unterstützt den elegischen Grundton des Romans. Musik verbindet nicht nur Schriftstellerin (Violinistin) und Cellist, sondern sie beide mit Hauptfigur Ernst Kroll. Bei aller Schwerhörigkeit entwickelt der Behinderte Neigung und Fähigkeit, Instrumente zu spielen. Als Dreijähriger freilich spielt er noch mit seinem Holzpferd. Wenn Sabine Huttel den Romananfang liest, meint man, es sei tatsächlich ein Schimmel. Schreibend sieht sie mit den Augen eines „Anderen“, aber erzählt auch im auktorialen Stil von der Kroll-Familie und ihrem dörflichen Leben in Thüringen. Das geht nahtlos.

Die Verbindung der Autorin zu Helmut Nehrbaß stammt noch aus dessen Schulleiterzeit, als die gebürtige Wiesbadenerin bei ihm ein Praktikum ablegte, bevor sie selbst unterrichtete. Er attestiert Huttels beiden vorangegangenen Büchern („Mein Onkel Hubert“, 2009, und „Slalom“, 2011) eine Präzision und Einfühlsamkeit, die auch den dritten Roman kennzeichnet. Ausholend über die Epochen von Kaiserreich, Weimarer Republik, NS- und DDR-Zeiten bis nach der Wende, und detailgenau bis ins Kleinste.

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Sabine Huttel liest leise und gleichmäßig. Ernsts Eltern erfüllen ihre traditionellen Rollen: Martha als sorgende Hausfrau, Hilmar als polternder Vater („Ernst, mach!“), zumal auch Schullehrer, was für den Knaben umso problematischer, wäre da nicht das Orgelspiel, das Vater und Sohn aneinander rückt. Groß ist die elterliche Sorge, als die Nazis ihr Euthanasie-Programm auflegen – der Junge freilich bekommt von seiner Gefährdung nichts mit. Unberührt und unbeschadet übersteht Ernst Kroll alle Zeitläufe.

Offensichtlich ist es diese Kraft unschuldigen Andersseins auf zeitgeschichtlichem Hintergrund, das Sabine Huttel in ihrem Roman hatte beschreiben wollen. „Dass der Schwächste das alles durchlaufen hat, ohne gebrochen zu sein, fand’ ich überwältigend.“ In der Familie war das Anderssein des Onkels kein Thema, erklärt sie dem Publikum – bis eben sie es in ihrem Roman behandelt. „Ein Anderer“ steht übrigens auf der Shortlist zum Blogbuster-Preis.