Konzertchor Darmstadt singt Mozart-Requiem in neuer Fassung

Mozart als Generationenprojekt: Dorothee Heath hat Karl Marguerres Arbeit am Mozart-Requiem fortgeführt. Foto: Jacqueline Kazemi

Der Musikforscher Karl Marguerre hat sich intensiv mit Mozarts Requiem beschäftigt. Enkelin Dorothee Heath hat seine Fassung weiterentwickelt, an Karfreitag wird sie aufgeführt.

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DARMSTADT. Karl Marguerre war Professor für Mathematik und Mechanik, aber eigentlich drehte sich in seiner Familie alles um Musik. Wenn seine Enkelin Dorothee Heath alte Fotos herausholt, sind meistens musizierende Menschen darauf. Sie selbst hat die Tradition ja fortgesetzt und ist heute Geigerin im Sinfonieorchester der Stadt Münster. Und von ihrem Großvater hat sie das Talent geerbt, musikalischen Fragen hartnäckig auf den Grund zu gehen: Wenn der Konzertchor Darmstadt am Karfreitag Mozarts Requiem aufführt, erklingt das Ergebnis einer musikwissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit über Generationen hinweg.

Das unvollendete, von Franz Xaver Süßmayr ergänzte Requiem hat Marguerre (1906-1979) immer wieder beschäftigt. 15 Mal führte der Gründer von Chor und Orchester der Technischen Hochschule Darmstadt das Werk auf, und schon vor der ersten Fassung verfasste er für das Mozart-Jahrbuch 1962/63 einen Aufsatz über Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten in der Überlieferung des fragmentarischen Werkes. Im selben Jahr hatte auch der Musikforscher Friedrich Blume darauf hingewiesen, dass die Holzbläserbesetzung mit lediglich zwei Bassetthörnern und zwei Fagotten nicht für das gesamte Werk beabsichtigt gewesen sein könne. Auf Grundlage seiner Forschungen entwickelte er eine eigene Fassung mit erweiterter Bläserbesetzung und etlichen kleineren Korrekturen. Das unzweifelhafte Original so weit wie möglich zu konservieren, aber auch nichts Falsches stehenzulassen: Das war Karl Marguerres Devise, berichtet seine Enkelin im Gespräch.

Ihre Mutter, Karl Marguerres älteste Tochter Charlotte Heath-Marguerre, hatte sie auf die Requiem-Forschungen aufmerksam gemacht, die ihrerseits Fragment geblieben waren. Es gab Notenmaterial, es gab eine über hundert Seiten starke Studie. Und aus dem Jahr 1971 ist die Aufnahme eines Konzerts in der Darmstädter Stadtkirche überliefert, bei dem Marguerre das Requiem dirigierte. In seinem Geist setzte Dorothee Heath die editorische Arbeit fort, fand praktischen Rat bei ihren Orchesterkollegen, stieß auf die Neugier des damaligen Generalmusikdirektors Fabrizio Ventura, der die neue Fassung gerne aufführen wollte.

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Dorothee Heath stieß auf weitere Probleme mit der Süßmayr-Fassung, fand Tonsatz-Probleme, die kaum auf Mozart zurückgehen konnten, zog als Referenz andere Mozart-Werke heran, korrigierte als Orchesterpraktikerin auch Details der Instrumentierung. Es war eine detektivische Arbeit, an der Osanna-Fuge hatte noch die 2015 verstorbene Mutter mitgewirkt. Der Hörer, sagt Heath, wird die veränderte Instrumentation eher unbewusst wahrnehmen als Unterstützung des musikalisch ausgedeuteten Textes.

2016 wurde die von Dorothee Heath fortgeführte Marguerre-Fassung in Münster uraufgeführt, auch das Ergebnis der musikalischen Großfamilie – der Cousin arbeitet als Notensetzer, hat die Ausgabe der Stimmen besorgt und gleich auch noch den Klavierauszug geschrieben, die Sopranpartie sang, wer sonst, Eleonore Marguerre. Und schon gab es weitere Bilder fürs musikalische Familienalbum.