„Im Schutz von Adler und Schlange“ von Monika Melchert

Anna Seghers Mit der Tochter Ruth nach dem Unfall, 1943. Foto: Archiv Anne Radvanyi

Wie lebte Anna Seghers im mexikanischen Exil? Monika Melcherts berichtet von der Flucht der „Siebte-Kreuz“-Autorin vor den Nazis.

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. Entspannen geht eigentlich anders. Aber so unaufgeregt und sachlich, wie hier auf weniger als 200 Seiten die ganzen Unwägbarkeiten und Schicksalsschläge aufgeblättert werden, die ein Schriftstellerleben im Exil begleiten, kann sich der Leser in diesem Buch einrichten, als sei es ein Sessel. Es gibt ihm Halt, weil es blitzsauber und zuverlässig recherchiert ist, und es sichert ihm ein Wohlgefühl, weil es stilvoll und elegant erzählt ist.

Anna Seghers Mit der Tochter Ruth nach dem Unfall, 1943. Foto: Archiv Anne Radvanyi
Anna Seghers mit ihrem Sohn Pierre im mexikanischen Exil. Foto: Archiv Anne Radvanyi
Mexikanischer Töpfermarkt in Oaxaca auf einer Postkarte  aus dem Nachlass von Anna Seghers. Foto: Archiv Anne Radvanyi

Monika Melchert, Berliner Germanistin und langjährige Leiterin der Anna-Seghers-Gedenkstätte in Berlin-Adlershof, hat ein Buch über die „Siebte-Kreuz“-Autorin und ihre Zeit im transatlantischen Exil in der Zeit zwischen 1941 und 1947 geschrieben. Anna Seghers, 1900 in Mainz geboren, in Heidelberg promoviert und darauf nach Berlin übergesiedelt, war als Verfasserin exotisch sozialkritischer Erzählungen und Ehefrau des kommunistischen Dozenten Laszlo Radvanyi 1933 sogleich ins Visier der Gestapo geraten und über die Schweiz und Paris 1940 nach Marseille geflohen.

Wie viele Künstler, denen die Nazis im Nacken saßen, wollten die Radvanyis in die USA. Aber das Visum, das ein befreundeter Diplomat ihnen beschaffte, reichte nur für Mexiko. Doch was heißt hier „nur“? Als Anna Seghers mit ihren Kindern Pierre und Ruth nach der beschwerlichen Reise an Bord eines Frachtschiffs zunächst in Martinique und nach Kurzaufenthalten in der Dominikanischen Republik und auf Ellis Island vor New York schließlich am 30. Juni 1941 im mexikanischen Hafen Veracruz eintrifft, betritt sie ein Land, das ihr nicht nur Unterschlupf und Sicherheit bietet, sondern eine völlig neue, den Blick auf die Welt grundlegend ändernde Kultur und einen großen Kreis an Gleichgesinnten. Nach einer Überfahrt, für die sie nach eigener Einschätzung länger gebraucht habe als Kolumbus, erweist sich das lebensfrohe und bunte Mexiko bald als Glücksfall: Die Autorin, deren KZ-Roman „Das siebte Kreuz“ bereits bei einem New Yorker Verlag liegt und im Juni 1942 in englischer Übersetzung zu einem unerwarteten Verkaufserfolg wird, findet sich als Ausnahme-Erzählerin geachtet und vom Staatspräsidenten persönlich geehrt. Eine Wohnung in Mexiko-Stadt ist schnell gefunden, eine zweite, angemessenere, kurze Zeit später ebenfalls. Auch die Arbeit an ihrem Folgeroman, der autobiografisch eingefärbten Flucht- und Liebesgeschichte „Transit“, geht flott und ohne Hindernisse voran.

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Doch dann wird Anna Seghers am 24. Juni 1943 auf dem Weg zu einer Lesung in Mexiko City von einem Auto überfahren. Koma, schwerste innere Verletzungen, Schädelbasisbruch: Wochenlang ringt die Autorin mit dem Tod. Als sie langsam wieder ins Leben zurückfindet, leidet sie unter radikalem Gedächtnisverlust. Die Ereignisse der Kindheit und Jugend, ihre Jahre in Mainz sind das erste, was auf den inneren Schirm zurückfindet. Und als sie wieder sprechen, sich bewegen und schließlich sogar arbeiten kann, schreibt sie die bewegende Geschichte ihrer frühen Mainzer Schulkameradinnen nieder: die Geschichte vom „Ausflug der toten Mädchen“. Für Monika Melchert ist das ein „Hohelied der Freundschaft und der Verbundenheit mit der Heimat“ – und eine der schönsten Anna-Seghers-Erzählungen überhaupt.

So geht es voran. Berichte über Freundestreffen, über Ausflüge in die mexikanische Provinz, dazu Schilderungen einer Theateraufführung zum 60. Geburtstag des rasenden Reporters Egon Erwin Kisch, all das fügt sich zu einer lebenssatten Novelle. Was in Monika Melcherts Buch ein bisschen zu kurz kommt, ist die Bestimmung von Anna Seghers politischer Position in einem Kreis, der aus linken Dogmatikern und KP-Sachwaltern besteht. Immerhin war in Mexiko im Jahr vor der Ankunft der Radvanyis Leo Trotzki von einem Stalin-Schergen ermordet worden. Der Name taucht jetzt in dem Seghers-Buch nicht einmal auf. Das aber wäre sicher nicht falsch gewesen.

Angesichts der Entscheidung der Autorin, 1947 bei der Rückkehr nach Europa Ostberlin und nicht etwa eine westliche Großstadt als dauerhaftes Domizil zu wählen, hätte der Leser schon gern gewusst, ob sich diese Entscheidung nicht auch aus ihren in Mexiko entwickelten oder verfestigten politischen Sympathien erklären lässt. Nur eine kleine Unterlassung freilich – kein gravierender Mangel. Der Buchtitel ist im Übrigen eine Reverenz an Anna Seghers’ Gastland: Adler und Schlange sind die mexikanischen Wappentiere.