Empfang für die „Weiterschreiben“-Stipendiatin Widad Nabi...

Widad Nabi ist die erste Stipendiatin des Literaturhaus-Fördervereins. Foto: Tristan Schirling

Drei Monate lang wird die syrische Autorin Widad Nabi in Wiesbaden an ihrem Schreibprojekt arbeiten. Die „Weiterschreiben“-Stipendiatin wurde jetzt im Wiesbadener...

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WIESBADEN. „Das Literaturhaus hat eine Seele, die ich fühlen kann“, sagt Widad Nabi. Darauf reagiert auch Seele und Gefühl der 33-Jährigen, die drei Monate lang in Wiesbaden an ihrem Schreibprojekt weiterarbeiten wird.

Dafür hat sie das erste „Weiterschreiben“-Stipendium – mit Dotierung und freier Unterkunft – des Fördervereins des Wiesbadener Literaturhauses bekommen. Einstimmig hatte sich eine Jury für die seit 2015 nach ihrer Flucht aus Aleppo in Berlin lebende Widad Nabi ausgesprochen. Ihre Zielstrebigkeit, literarisches Schreiben auch im fremden Land mit fremder Sprache fortsetzen zu wollen, hatte beeindruckt.

Austausch zwischen Nationalitäten

Ins deutsche Stimmengewirr mischt sich an diesem Abend ein sonst eher rarer arabischer Ton: Eine syrische Freundin beglückwünscht die Stipendiatin mit Blumen. Zum offiziellen Teil ist der rote Salon voll besetzt. Literaturhaus-Leiterin Susanne Lewalter freut sich über die Einrichtung dieses neuen Formats, das Austausch zwischen Nationalitäten und Nachhaltigkeit der literarischen Arbeit geflüchteter Autorinnen und Autoren gewährleiste. Helmut Nehrbaß, ehrenamtlicher Kultur-Stadtrat, stimmt im Namen der Stadt in ihre Freude über die Initiative des Fördervereins als „etwas ganz Besonderes“ ein und verweist auf das Problem des Sprachverlusts exilierter deutscher Autoren während des NS-Regimes.

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Vereinsvorsitzende Rita Thies begründet das Vereinsprojekt des „Weiterschreiben“-Stipendiums, indem sie die lange Liste geflohener Schriftsteller deutscher Sprache als wichtigen Teil unserer Literatur nennt. Das gelte auch für die, die heute aus Kriegsgebieten und ihrer Sprachheimat flüchten müssen. Sie sollten auch im Exil ihre schriftstellerische Arbeit fortsetzen können.

Mit dem Buchgeschenk der „111 Orte, die man in Wiesbaden gesehen haben muss“ wird Widad Nabi wohl gut durch die Stadt kommen. Auf dem Neroberg stand sie schon, wie sie in ihrer Danksagung erzählt: Von da oben sei die Stadt ihr „wie ein Märchen aus 1001 Nacht“ erschienen. Widad Nabi hat in ihren ersten öffentlichen Worten deutscher Sprache in Wiesbaden die richtigen gefunden.

In Arabisch liest sie mit Ausdruck und untermalender Gestik: Wir hören Wohlklang und verstehen nichts, ehe Corinna Freudig den Text nicht in deutscher Übersetzung vorgetragen hat. Es ist der Krieg eine Schande, aber auch, ihm entkommen zu sein. Wenn sie über den Krieg schreibt, wäre der letzteren Schande vielleicht zu entkommen. Also überwindet die Autorin ihren Schmerz über Zerstörung und Verlust, indem sie sich zur Erinnerung zwingt. „Ich wollte an das Wunder glauben, dass das Schreiben den Vergessenen und Getöteten zu Gerechtigkeit verhilft, die ihnen das Leben nicht gewährt hat.“