Wenig Glück mit „Ariadne“ in Darmstadt

Oper in der Oper: Szene aus „Ariadne auf Naxos“ mit Johann Jürgens und Aki Hashimoto. Foto: Nils Heck

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal scheiterten 1912 mit „Ariadne auf Naxos“. Das Darmstädter Staatstheater wagt einen neuen Versuch mit der ersten Fassung.

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DARMSTADT. Die Sache war ein Flop. Bei der Uraufführung im Jahr 1912 fielen Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss durch mit ihrer Idee, Molières „Bürger als Edelmann“ und die Oper „Ariadne auf Naxos“ zu kombinieren, erst in einer neuen Version wurde das Stück 1916 ein Erfolg. Am Darmstädter Staatstheater unternimmt Regisseur Christian Weise nun den Versuch, die ursprüngliche Idee in einer bearbeiteten Fassung neu auf die Probe zu stellen. Molières Komödie eröffnet den Abend und bleibt der Rahmen für die Oper nach der Pause.

Weise schöpft alle Möglichkeiten aus, die beiden Teile ineinander zu verzahnen. Dorimene und Dorante, die dem geltungssüchtigen Bürger Jourdain mit dem Versprechen von Adel und Anerkennung die Taschen leeren, sind die Sänger der späteren Oper, weshalb Katrin Gerstenberger erst einmal als halbseidene Diva auftritt. Mit ihrer verschlagenen Verstellungskunst kann man auch den Dauerschmerz Ariadnes darstellen, Gerstenberger packt noch große Stimmkunst drauf, was ihr besser gelingt als dem etwas angestrengt klingenden Bacchus von Chris Lysack. Und wenn Jourdains Frau in der Oper als Zerbinetta erscheint und in ihrer Arie die vielen Liebhaber auffahren lässt, hält sie damit dem untreuen Ungeheuer von Ehemann den Spiegel vor; Aki Hashimoto gibt den Koloraturen Seele und dem Augenblick Größe.

Das ist alles gut ausgedacht. Als Theaterabend funktioniert Weises Fassung trotzdem nicht. Dramaturgisch ist es ein grob zusammengezimmerter Verhau, in dem es knarzt und klemmt. Die Molière-Komödie ist so stark abgekürzt, dass die psychologischen Triebkräfte ihres Witzes unentdeckt bleiben. Klar, man kann den Hausherrn, der nach Höherem strebt, als rasende Knalltüte spielen wie Johann Jürgens, und Kostümbildner Amit Epstein hat sich alle Mühe gegeben, ihn vollends zum Affen zu machen im Zirkusleibchen mit Bullaugen-Durchblick an den Hüften.

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Männerballett im rosaglänzenden Kostüm

Aber die anarchische Sprengladung solcher Radikalkomik zündet nicht. Nebenan im Kleinen Haus ist im „Diener zweier Herren“ aktuell zu erleben, wie frisch die traditionellen Komödienformen sich füllen lassen. Hier regiert ein ziemlich müder Klamauk, der immerhin musikalisch angeheizt wird. Komponist Jens Dohle macht das Geschehen zum Musical und leitet vom Schlagzeug aus ein Trio mit Bartholomew Berzonsky (Klavier) und Stefan Kammer (Bass). Das gibt dem Unterricht beim Fechtmeister (Robert Lang) Tempo und Rhythmus, wird aber melodisch ungelenk, wenn gesungen werden muss. Dafür hat die Komödiantentruppe (David Pichlmaier, Michael Pegher, Keith Bernard Stonum, Christian Tschelebiew) Gelegenheit zum Tanzen, was im rosaglänzenden Kostüm ausschaut wie ein Auftritt bei der Weiberfastnacht. Musikmeister (Stefan Schuster), Tanzmeister (Victor Tahal) und Philosophin (Sonja Isemer) ergänzen die Arbeit an der Kultivierung des Kapitalisten Jourdain, sein Lakai (Daniel Dietrich) liefert ein wenig Slapstick, und Catherine Stoyan sächselt deftig als Zofe Nicole, die beim Haustheater zur Spielmacherin wird. Jourdains Tocher Lucile ist bei Winnie Böwe eine plärrende Göre, ihr Bräutigam Cleonte (Tobias Schormann) ein Schönling mit mehr Maske als Charakter.

Karikaturen, wohin man schaut, aber das Spiel läuft leer, ohne eine Geschichte in den Griff zu bekommen. Im zweiten Teil kommt dann aber das Vergnügen an Richard Strauss’ Musik dazu, die vom Staatsorchester unter Hartmut Keil mit kammermusikalischem Glanz serviert wird. Während die Nymphen (Florina Ilie, Maren Favela, Rebekka Reister) sehr schön singen, treibt die Regie die Parodie der Barockoper auf die Spitze, Bühnenbildnerin Jana Wassong hat dazu prachtvoll überladene Kulissen gestaffelt. Aber wenn Neptun mit dem Dreizack eine Plastiktüte aus dem Offshore-Windpark fischt, ist das ein eher müder Scherz.

Anders als 1912 wird der Ausgang der Molière-Geschichte am Ende nachgeliefert, Cornelius Schwalm setzt als Covielle ein buntes Hütchen auf und schenkt Jourdain eine Fantasie-Ehrung aus dem fernen Tadschikistan, was noch einmal Gelegenheit zu einer kleinen Musicaleinlage beschert. Bis zum nicht sehr langen Beifall sind dreieinviertel Stunden vergangen, und man geht heim in der Erkenntnis, dass sich das Theaterexperiment von 1912 nicht reparieren lässt. Und man fühlt sich ein wenig wie der Autobesitzer, der seinen Wagen mit Schrammen in die Werkstatt bringt und noch verbeulter zurückbekommt. Aber schön lackiert.