Vor der Oscar-Nacht: Wer sind die Favoriten?

Mahershala Ali (Nominierung beste Nebenrolle)

Das Historiendrama „The Favourite“ und das Sittenbild „Roma“ haben jeweils Chancen auf zehn Academy Awards. Könnte spannend werden, wenn die Zeremonie nicht so verknöchert wäre.

Anzeige

. Darmstadt. Sie wollten vieles anders machen bei der amerikanischen Filmakademie. Nun wird in der Nacht von Sonntag, 24. Februar, auf Montag deutscher Zeit im Kodak Theatre von Los Angeles auch manches anders sein, doch nicht unbedingt das, was für die 91. Verleihung der Oscars eigentlich geplant war.

Mahershala Ali (Nominierung beste Nebenrolle)
Lady Gaga (Nominierung beste Hauptdarstellerin)
Glenn Close (Nominierung beste Hauptdarstellerin)
Lady Sarah Churchill (Rachel Weisz, links) lenkt die Schritte von Königin Anne (Olivia Colman) im schrillen Historienfilm „The Favourite“. Beide Schauspielerinnen sind für Oscars nominiert. Fotos: dpa

Zum ersten Mal seit 30 Jahren wird die Gala nicht von einem Gastgeber moderiert. Kaum war der Komiker Kevin Hart benannt, gab es Kritik wegen älterer homophober Äußerungen von ihm. Hart trat zurück, signalisierte wieder Bereitschaft, den Job doch zu machen, wollte dann wieder nicht. Und keiner mochte Ersatz sein. Im besten Fall ist so ein Gastgeber ein Hofnarr, der den Laden aufmischt. Das wird es diesmal also nicht geben.

Dabei ist die Veranstaltung ja selbst mit kleinen Gemeinheiten noch viel zu bräsig. Ein Versuch, die Übertragung zu straffen und einige Preise während der Werbepausen loszuwerden, scheiterte an scharfem Protest. Ausgerechnet die Kameraleute sollten unter Ausschluss der Öffentlichkeit geehrt werden. Ganz schlechte Idee bei einem Fest der bewegten Bilder. Dieser Vorschlag wurde ebenso wieder einkassiert wie der Versuch, die Oscars mit einem Publikumspreis für „hervorragende Leistungen im populären Film“ aufzumischen.

Anzeige

Schwarze Superhelden und verwegene Antirassisten

Es drohen am Sonntag, 24. Februar, (Ortszeit) also einige ermüdende Routinen, bis feststeht, ob das Historiendrama „The Favourite“ und das Familiendrama „Roma“, die mit jeweils zehn Nominierungen die meisten Chancen haben, auch die großen Abräumer des Abends werden.

Während die verknöcherte Zeremonie reformresistent wirkt, hat sich im Filmgeschäft seit den Debatten im Jahr 2016 um das Fehlen afroamerikanischer Künstler unter den Nominierten (#oscarssowhite) doch einiges getan. So sind in diesem Jahr drei Streifen, die sich um schwarze Hauptfiguren drehen, in der Kategorie „bester Film“ gelistet: vorneweg mit sieben Nominierungen die Comic-Verfilmung „Black Panther“ mit einem farbigen Superhelden, gefolgt vom antirassistischen Husarenstück „BlaKkKlansman“ über einen Schwarzen, der den Ku Klux Klan bespitzelt mit sechs Nominierungen – davon eine für Regisseur Spike Lee. Schließlich das Roadmovie „Green Book“ (fünf Nominierungen), das den amerikanischen Alltagsrassismus der Sechziger bei einer Reise durch die Südstaaten bebildert. Mahershala Ali, der in dieser Geschichte einer Freundschaft zwischen einem schwarzen Pianisten und seinem weißen Chauffeur den einsamen Musiker spielt, ist als bester Nebendarsteller vorgeschlagen. Als beste Nebendarstellerin aufgerufen ist Regina King im dreifach nominierten Sozialdrama „If Beale Street Could Talk“, das von einem unschuldig eingesperrten Schwarzen im Harlem der Siebziger handelt.

Streamingdienst Netflix mit zwei Produktionen dabei

Anzeige

Die Oscars sind also nicht mehr ganz so weiß wie früher. Und sie sind nicht mehr allein den großen Kinostudios und Verleihern vorbehalten. Streamingdienste wie Netflix drängen mit Macht auf den Markt, engagieren die besten Schauspieler und Regisseure. Und dann kommen eben auch preiswürdige Meisterwerke heraus. So hat neben dem dreifach nominierten Netflix-Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Brüder Joel und Ethan Coen das Netflix-Drama „Roma“ von Alfonso Cuarón beste Aussichten. Das schwarz-weiße Sittenbild aus der mexikanischen Mittelschicht ist mit zehn Chancen auf Academy Awards der große Favorit neben einer Historiengroteske, die passenderweise schon „The Favourite“ heißt. Der Grieche Giorgos Lanthimos zeigt Intrigen und Dekadenz am Hof der Königin Anne Stuart Anfang des 18. Jahrhunderts. Olivia Colman hat als körperlich wie geistig angeschlagene Königin ebenso Oscar-Chancen wie Glenn Close („Die Frau des Nobelpreisträgers“), Melissa McCarthy („Can You Ever Forgive Me?“), Yalitza Apricio („Roma“) und Lady Gaga, die im achtfach nominierten Musikdrama „A Star is Born“ eine junge Sängerin verkörpert. Für ihren Filmsong „Shallow“ könnte sie auch einen der begehrten Goldjungen abholen.

Ihr Regisseur und Filmpartner Bradley Cooper ist bei den Herren aufgerufen neben Willem Dafoe („At Eternity’s Gate“), Rami Malek („Bohemian Rhapsody“), Viggo Mortensen („Green Book“) und dem vom Maskenbildner in Dick Cheney verwandelten Christian Bale aus der gleichfalls achtfach nominierten Politsatire „Vice“. Ob in diesem Feld ein Film triumphiert oder sich die Preise nach dem Gießkannenprinzip verteilen, scheint offen. Das immerhin mag auch bei einer strapaziös langen Oscar-Nacht für Spannung sorgen.