Ungemütliche Insellage

Robinson Crusoe, eine Zeichnung der deutschen Künstler Offterdinger und Zweigle um 1880. Links: Robinson Crusoe, Ausgabe von 1719 Fotos: gemeinfrei

Vor dreihundert Jahren erschien Daniel Defoes „Robinson Crusoe“.

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LONDON. Als am 25. April 1719 „Robinson Crusoe“ erschien, war der Verfasser, Daniel Defoe, wahrscheinlich 59, vielleicht auch schon 60 Jahre alt. Das genaue Geburtsdatum des als Daniel Foe in London zur Welt gekommenen Autors ist nicht festgehalten worden. Bis dahin hatte Defoe ein von Schicksalsschlägen gezeichnetes, aber ebenso von Glück beflügeltes, mit verschiedenen Berufen sowie einer kinderreichen Familie ausgefülltes Leben hinter und noch weitere zwölf Lebensjahre vor sich.

Robinson Crusoe, eine Zeichnung der deutschen Künstler Offterdinger und Zweigle um 1880. Links: Robinson Crusoe, Ausgabe von 1719 Fotos: gemeinfrei

Zu seinem bis heute weltweit viel gelesenen Roman inspirierte Defoe das reale Abenteuer des Seemanns Alexander Selkirk, der 1704 auf einer der beiden Inseln des San Fernandes Archipels (von denen eine heute nach ihm, die andere nach dem Romanhelden benannt ist) ausgesetzt, von dort 1709 gerettet und dessen Geschichte 1713 veröffentlicht worden war. Defoe soll Selkirk angeblich in einem noch heute existierenden Pub in Bristol getroffen haben.

Im Gegensatz zur Originalstory türmte „Robinson Crusoe“ binnen weniger Monate Auflage auf Auflage und machte Daniel Defoe – das „De“ hatte er sich zur Veredelung selbst verliehen – damals mit einem Schlag zu Englands berühmtestem, durch zahllose Übersetzungen bald auch in Europa bestens bekannten Schriftsteller. Sein Geniestreich-Roman begründete schließlich eine eigene literarische Gattung, aus der sich später auch im Filmgenre viele Varianten entwickelten, darunter etliche Roman-Verfilmungen: die „Robinsonade“.

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Deren wichtigstes Kennzeichen ist neben der behaupteten Authentizität der geschilderten Ereignisse und Abenteuer („Geschrieben von ihm selbst“, heißt es im Untertitel und wird im Text mit der Ich-Perspektive bekräftigt) der Umstand, dass sich ein Held gegen Unbilden, Gefahren und Widerstände von allen Seiten – womöglich ganz auf sich allein gestellt – mit Kraft, unermüdlichem Willen, Geschick und Gottvertrauen behauptet und so sein Schicksal zum Guten wendet. Dass Robinson seine Probleme auf einer fernab vor der Küste Südamerikas – in etwa auf der Höhe der Orinoco-Mündung – gelegenen Insel bewältigen muss, hat den „Insulanern“ in Großbritannien die Identifikation mit Defoes Helden sicher erleichtert.

Laut Autor ist Robinson 1632 in York als Sohn eines aus Bremen stammenden Geschäftsmannes mit dem Namen Kreuznaher, in England zu Crusoe gewandelt, zur Welt gekommen und hat den Geburtsnamen seiner Mutter als Vornamen bekommen. Gegen den Willen seiner Eltern folgt er seinem Drang, Seemann zu werden, nicht ahnend, dass ihn dieser „gerades Wegs in künftiges Elend treiben sollte“. Nach einer ebenfalls abenteuerlichen Vorgeschichte, während der er in Brasilien Zucker-Plantagen erwirbt, strandet er am 30. September 1659 als einziger Überlebender eines Schiffbruchs für „28 Jahre, 2 Monate und 19 Tage“ auf einer Insel, auf der sonst nur wilde Tiere leben. Gelegentlich wird sie von Kannibalen heimgesucht, vor denen sich Robinson verstecken muss. Vom Wrack kann er verschiedene nützliche Güter auf sein „Eiland der Verzweiflung“ retten, darunter Waffen, Pulver, Munition und Werkzeuge. Mit ihnen „würde es möglich sein, durch Arbeit, Ausdauer und Eifer alles, was ich brauchte… selbst anzufertigen.“ Robinson jagt Tiere, domestiziert Ziegen, baut Getreide an. Mit der täglichen Lektüre in einer ebenfalls vom Wrack geholten Bibel missioniert er sich selbst, was ihn darin bestärkt, „dass kein Zustand existiert, der nicht etwas Tröstliches darbietet.“ Später gelingt es ihm, einen Mann zu retten, mit dem die Kannibalen einen Opferritus vollziehen wollen. Nach dem Tag des Ereignisses nennt Robinson ihn „Freitag“. Fortan wird er Robinsons Diener, der wiederum vom Herrn unterrichtet und missioniert wird – und also umfassend zivilisiert: eine Aufgabe, in deren Tradition die Briten ihre Kolonisationspläne und das daraus entstehende Empire offiziell stellen. Am 19. Dezember 1686 kann Robinson mit seinen Gefährten (zu denen auch „Freitags“ Vater gestoßen ist, der ebenfalls vor Kannibalen gerettet werden musste) die von ihm bis dahin allein beherrschte Insel verlassen und kommt nach insgesamt 35 Jahren Abwesenheit nach England zurück. Doch damit sind seine Abenteuer keineswegs beendet: Seine Plantagen in Brasilien haben ihn zwar mittlerweile zum reichen Mann gemacht, doch trotzdem hat er reichlich Anlass aufzustöhnen: „Wie viel mehr Sorgen überkamen mich jetzt als während meines stillen Lebens auf der Insel!“

Vom Rückzug auf eine stille Insel, auf der man allein bestimmen kann, was passiert, ist derzeit in Great Britain erneut viel die Rede. Hinzu kommen nostalgische Erinnerungen an eine reichlich verklärte Kolonialzeit, in der man – angeblich – nur zum Wohle der Kolonisierten aktiv war: „Rule Britannia!“ ist der Brexit-Schlachtruf von Blendern und Täuschern wie Boris Johnson. Ähnlich wie Robinson, der bei einer Rückkehr zu „seiner“ Insel die Verhältnisse für alle inzwischen dort Lebenden neu – und ganz im christlich-patriarchalischen wie patriotischen Geist – ordnet, soll der alte Glanz der „splendid isolation“ auf der britischen Insel erneuert werden.

Wer sich dort – ganz im Geiste Robinsons – in treuer Pflichterfüllung, mit Gottvertrauen, puritanischer Ethik und mit Opfermut gegen die spanische Armada, Napoleon und sogar gegen Hitler hat behaupten können, darf als Brexiteer heutzutage keinesfalls vor der EU kapitulieren. Selbst wenn diese „Englishmen“ mit ihren Methoden das Staatsschiff nicht zum Kentern bringen, sollten sie doch vom nicht gänzlich unverschuldeten Los Robinson Crusoes gewarnt sein: Eine insulare Isolation kann schon nach weit kürzerer Zeit als 28 Jahren höchst ungemütlich werden.