Sternstunde am Ende des Lebens

Ein Hoch auf das Leben: Unter jungen Leuten verliert Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) ihren Lebensüberdruss. Fotos: Neue Visionen/Schuster

„Ich will sterben“, knurrt Frau Stern. Ihr Arzt hält davon nichts. „Sie sind kerngesund!“ Nur mit dem Rauchen solle die schlohweiße Neunzigjährige mit dem grimmigen...

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DARMSTADT. „Ich will sterben“, knurrt Frau Stern. Ihr Arzt hält davon nichts. „Sie sind kerngesund!“ Nur mit dem Rauchen solle die schlohweiße Neunzigjährige mit dem grimmigen Blick doch besser aufhören. Nicht mit Frau Stern! „Ich habe das KZ überlebt, ich werde auch das überleben“, blafft die allzeit adrette Alte mit dem Witwenbuckel zurück. Ahuva Sommerfeld verkörpert diese Dame mit lakonischem Sarkasmus und schenkt ihrer mürrischen Frau Stern neben einem rasselnden Raucherhusten auch sonst ganz viel von sich selbst.

Ein Hoch auf das Leben: Unter jungen Leuten verliert Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) ihren Lebensüberdruss. Fotos: Neue Visionen/Schuster
Anatol Schuster. Foto: Schuster

Regisseur Anatol Schuster erinnert sich noch gut an das erste Treffen mit der Hauptdarstellerin seiner Tragikomödie: „Ich war hin und weg. Ihre raue Schlagfertigkeit. Das hat mich umgehauen!“ Im Frühjahr 2018 schrieb der in Bensheim aufgewachsene Schuster seiner Protagonistin die Rolle auf den Leib. Zum Kinostart am Donnerstag, 29. August, stellt er „Frau Stern“ ab 19 Uhr im Darmstädter Rex vor, wo der Schüler Schuster einst seine ersten Kinoerfahrungen machte.

Die Jugend weckt den freien Geist

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Frau Stern legt sich zum Sterben auf die Schienen und in die Wanne, beschafft sich auch eine Pistole. Aber es will nicht klappen. Mal kommt ein Mann mit Hund dazwischen, mal sind es freundliche Einbrecher. Vor allem aber macht es die Enkelin der Oma zunehmend schwer, denn zwischen Party, Performance und Protest weckt die Jugend auch in der Greisin den alten freien Geist. Jene innere Haltung wiederum stammt von der Hauptdarstellerin Ahuva Sommerfeld, die in ihrem langen Leben viel gemacht hat und hier am Ende noch ihre erste Kinohauptrolle wuppt. „Sie war eine Inspiration für uns, dachte nicht, wie die Masse, sondern sehr eigenwillig. Das haben wir genutzt, uns frei auszudrücken“, sagt Regisseur Schuster, den sein Kameramann Adrian Campean zum ungewöhnlichen 4:3.-Format überredete. „Ich habe anfangs gezweifelt, doch es ist ein tolles Porträtformat.“ Aber auch sonst ist der Film formal unkonventionell, macht erzählerische Auslassungen und zeigt Szenen, die einem Traum entsprungen sein mögen. Das war ganz im Geiste von Ahuva Sommerfeld, die den Film mit staunenswerter Energie und außergewöhnliche Aura zu ihrer eigenen Sternstunde machte.

„Es ging so schnell, weil ja nicht klar war, wie lange wir den Film machen können.“ Wie lange würde die Kraft der scheinbar unverwüstlichen Dame reichen, die ja selbst so gar nicht lebensmüde war? Das forcierte Tempo hat dazu geführt, dass Anatol Schuster nach einem Besuch im vergangenen Mai, als er sein Kinodebüt, die Liebesgeschichte „Luft“ in Darmstadt vorstellte, nun bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr in sein altes Stammkino zurückkehrt. Seine wunderbare Hauptdarstellerin kann er nicht mitbringen. Ahuva Sommerfeld ist drei Wochen nach der Premiere gestorben. Der Film wurde ihr Vermächtnis.