Mehr Lebenswert für die Innenstadt

Das Saladin-Eck ist ein baulicher Schandfleck. Die Autoren plädieren für die öffentlich diskutierte Nutzung durch die TU und schlagen neben Wohnen und Gewerbefläche/Büros im Erdgeschoss eine kulturelle Nutzung durch Galerie, Kino oder Studentenlokal vor. Foto: Guido Schiek

Ein kritischer Stadtführer macht Vorschläge für Verbesserungen der „Kulturellen Mitte“ .

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DARMSTADT. Ein „kritischer“ Stadtführer? Wer bei diesem Untertitel sofort an Konfrontation denkt, wird überrascht. Schon auf den ersten Seiten des Buchs „Kulturelle Mitte Darmstadt“ stößt man auf eine große Zuneigung zu Darmstadt, mit der die Autoren Friedhelm Kühn, Wolfgang Lück und Jochen Rahe ihre Leser auf Spazierwege hin zu architektonischen Highlights zwischen Kunsthalle und Woog, Schader-Stiftung und Technischer Universität schicken möchten.

Eine „Belastung für das urbane Stadtbild“ sehen die Autoren in der Luisenstraße.
Eine „Belastung für das urbane Stadtbild“ sehen die Autoren in der Luisenstraße. Obere Bildreihe von links: Betonwucht am Luisencenter.
Das durch den Cityring von der Stadt abgeschnittene Landesmuseum.
Die von übermäßiger Möblierung zugestellten Arkaden an der oberen Rheinstraße.

Denn sie machen schnell deutlich, wieviel Kunst und Wissenschaft mit lokalem, regionalem, bisweilen sogar überregionalem Gewicht Darmstadt im Städtevergleich auf jede City-Waage bringen könnte. Leider haben Ästhetik und Lebenswert aktuell aber „insgesamt keinen stadtprägenden Einfluss auf die Innenstadt“, so ihr deutliches Urteil. Die fast vollständige Kriegszerstörung der gewachsenen Zentrumsstrukturen mit Alt- und Mollerstadt und die „kurzsichtige Modernisierungseuphorie“ (so das Buch) der ersten Nachkriegsjahrzehnte haben ein vor allem autogerechtes Darmstadt mit ökonomisierter City geschaffen.

Die drei Hauptautoren stellen dar, und sie schildern die Probleme, aber sie entziehen sich auch nicht der daraus folgenden Aufgabe, selbst Verbesserungsvorschläge zu machen. Sie haben über die Arbeitsgruppe Kulturelle Mitte, eine Initiative der lokalen „Agenda 21 Themengruppe Stadt Gestalt“, sowie über die Werkbundakademie Darmstadt zusammengefunden. Ihr Ziel ist es, schlechte Zustände nicht kurzfristig zu reparieren, sondern die City städtebaulich wie architektonisch auf lange Sicht hin aufzuwerten.

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Die Bestandsaufnahme wird dabei begleitet von vielen kleinen Bildern, vor allem aber einer Fotostrecke der „Stadtfotografin“ des vergangenen Jahres, Anna-Lehmann-Brauns, die Darmstädter Hässlichkeiten und fehlende Infrastrukturen mit den Augen einer „Fremden“ aufgespürt hat. Dazu kommen mehrere Texte von Gastautoren wie dem Leiter des Stadtplanungsamts Jochen Kriebiehl, der das Darmstädter „Stadtentwicklungskonzept DA2030+“ vorstellt und die Schwarmstadt dabei als planerische Herausforderung markiert, oder City-Managerin Anke Jansen, die aus einer Befragung zur Attraktivität der Innenstadt von 2016 den Schluss zieht, dass es dringlich ist, den öffentlichen Raum aufzuwerten und „die Dominanz der gewerblichen Nutzung deutlich auszugleichen“.

Ob darin auch Vorschläge einfließen werden, die aus Semesterarbeiten Darmstädter und Stuttgarter Studenten für Freiraumplanung und Gartenarchitektur kommen und hier den breiten Raum finden, der kommenden Generationen gerade bei der Zukunft ihrer Städte immer eingeräumt werden sollte? Spannend ist es auf jeden Fall, sich mit dem Fragenkatalog von Wolfgang Lück im Anhang auseinanderzusetzen. Am Beispiel von fünf markanten Stadtsituationen stellt er „Zukunftsfragen“ – und möchte zur Bürgerbeteiligung am Zukunftsmodell Darmstadt animieren.

Wir zeigen hier einige Beispiele von Stadtsituationen, deren Verbesserung von den Buchautoren als dringend angesehen werden.

Von Annette Krämer-Alig