„In einem Künstler sollte Raum für beides sein“

Foto: Marco Borggreve

Ein „Charakterkopf, wie er nur selten in der Klassik zu finden ist“, wird Fazil Say gern genannt. Denn der Pianist erhebt auch politisch seine Stimme – wenngleich der...

Anzeige

INGELHEIM. Ein „Charakterkopf, wie er nur selten in der Klassik zu finden ist“, wird Fazil Say gern genannt. Denn der Pianist erhebt auch politisch seine Stimme – wenngleich der 49-Jährige sich nach seiner Verurteilung wegen Blasphemie 2013 durch ein Gericht in Istanbul mit kritischen Äußerungen über den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurückhalt. Am 21. März gastiert Fazil Say in Ingelheim.

Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Herr Say, manche Ihrer Kollegen sind mit politischen Äußerungen zurückhaltend und verweisen darauf, dass Klassik nichts mit Politik zu tun habe. Wie sehen Sie das?

Beides gehört zum Leben – überall auf der Welt: Wenn etwa der Hamburger Bürgermeister plötzlich die dortige Oper schließen möchte, dann werden auch dort alle Kulturschaffenden und -interessierten politisch und sich dagegen wehren: Dann müssen sie Politik machen. Natürlich denken wir nicht an die Politik der CDU, wenn wir eine Mozart-Sonate spielen, aber in einem Künstler sollte Raum für beides sein und auch eine Brücke zwischen beidem existieren – wenngleich diese meistens bei negativen Fällen offenbar wird.

Anzeige

Manchem scheint es, als werde in der Türkei seit einiger Zeit das alte Gegensatzpaar Orient und Okzident neu belebt.

Ich selbst bin mehr okzidental aufgewachsen, geprägt durch mein Elternhaus wie auch das Konservatorium in Ankara und mein Leben in Deutschland und den USA. Insofern bin ich ein sehr westlicher Mensch, doch die Kulturen vermischen sich immer mehr, weil auch die Menschen sich immer mehr vermischen. Wir sollten diese Brücken weiter ausbauen und eine größere Aufgeschlossenheit für andere Kulturen entwickeln.

Und zweifellos an die musikalischen – und das schon seit frühesten Kindesbeinen. Waren Sie ein Wunderkind?

Jemand, der uns mit seinem Schaffen sehr überrascht und schon in seiner Kindheit ein überragendes, ja vielleicht sogar übermenschliches Können beweist, das den Menschen zugutekommt – ob ich solch ein Wunderkind war? Das weiß ich nicht … ich habe mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen und einfache Stücke zu komponieren – ob das ein Wunderkind macht, das müssen andere beurteilen.

Ein Wunderkind war zweifellos Mozart, dem auch Sie sich immer wieder widmen – was fasziniert Sie an diesem Komponisten?

Anzeige

Für mich war er ein Jahrtausendgenie, dessen Schaffen die Menschheit in ihrer Gänze repräsentiert. Ein Vorbild für Schönheit und einen produktiven Menschen: In seiner Musik spiegelt sich die menschliche Güte – und das macht diese Musik einzigartig.

Zwiegespalten sind die Besucher ob Ihrer ausgeprägten Mimik und Gestik im Konzert – ist die wirklich nötig?

Jeder Musiker sucht doch die Geschichte hinter den Tönen – die reinen Töne machen gerade mal 20 Prozent aus! Wir würden uns zu Tode langweilen bei einer von einem Computer gespielten Mozart-Sonate: Erst das eigene Spiel macht mehr daraus – und welche Pantomimen oder Gesichter wir dabei ziehen, merken wir nicht.

Sie bekommen davon rein gar nichts mit?

Als ich mich das erste Mal im Fernsehen gesehen und so richtig wahrgenommen habe, hat mich das auch gestört. Andererseits: Das Klavier ist nun mal ein Perkussionsinstrument und um dieses zum Singen zu bringen, muss man sehr viel tun.

Was andererseits wiederum in die Welt der Neuen Medien passt, wo ja nicht zuletzt die Selbstdarstellung ein entscheidendes Erfolgsmoment ist.

Auf meiner Facebook-Seite kündigen wir meine Konzerte an, berichten von Proben oder verlinken zu vergangenen Auftritten in der Sprache des jeweiligen Landes – und diskutieren natürlich auch mit den Usern. Wenn wir auf Youtube Auftritte von mir verlinken, wird das von einer halben Million Menschen verfolgt.

Das Interview führte Christoph Forsthoff.