Früherer Mathildenhöhe-Direktor Wolbert gestorben

Klaus Wolbert, aufgenommen 2005 im Büro auf der Mathildenhöhe. Archivfoto: Günther Jockel

Von 1989 bis 2005 leitete er das Institut Mathildenhöhe in Darmstadt: Der Kunsthistoriker Klaus Wolbert ist in seiner letzten Wahlheimat Istanbul gestorben.

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DARMSTADT. Im vergangenen Sommer tauchte er plötzlich wieder einmal in Darmstadt auf, und es war, als sei er gar nicht lange weggewesen. Die Sezession feierte ihr hundertjähriges Bestehen, und im Garten des Designhauses hielt Klaus Wolbert eine launige Rede, in der er Jahrzehnte zurückliegende Entscheidungen verteidigte und heiter anbot, als Ratgeber wieder einmal vorbeizuschauen. Wie jetzt bekannt wurde, ist Wolbert, der frühere Kulturreferent und Direktor des Instituts Mathildenhöhe, bereits am 26. April in Istanbul gestorben, wo er seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Er wurde 80 Jahre alt.

Das Angebot an Darmstadt war ein Scherz, der aber auch zeigte, dass Wolbert eine entspannte und versöhnte Haltung gefunden hatte. Dabei hatte er noch in seinem Abschiedsjahr 2005 von einem gebrochenen Verhältnis zu dieser Stadt gesprochen, deren Kulturleben er doch über viele Jahre maßgeblich mitgestaltete. Der Bruch war eine Folge des Konflikts um Mario Sironi, einen der Großen der italienischen Malerei und Documenta-Künstler, aber auch bekennender Faschist und Gefolgsmann Mussolinis bis zu dessen Ende. Wolbert wollte Sironi in Darmstadt ausstellen, die Pläne schlugen weit über die Stadt hinaus Wellen, der damalige Oberbürgermeister Peter Benz sagte die Ausstellung ab. Immer wieder einmal erntete der Direktor des Instituts Mathildenhöhe sanften Spott dafür, dass er regelmäßig italienische Gegenwartskunst nach Darmstadt holte. Für Wolbert war es Teil einer Strategie, das Ausstellungsprogramm internationaler zu machen, „es ist ja auch das Privileg eines Direktors, seine eigenen Vorlieben pflegen zu können“, sagt er einmal.

Wolbert, 1940 in Aschaffenburg geboren, war früh musik- und kunstbegeistert. Er absolvierte eine Schriftsetzerlehre, machte eine Ausbildung an der Offenbacher Werkkunstschule, arbeitete in der Werbung. Sein Abitur machte er am Darmstädter Abendgymnasium, während er tagsüber im Landesmuseum jobbte, studierte anschließend Kunstgeschichte, arbeitete an ersten Ausstellungsprojekten mit, schrieb seine Doktorarbeit über das politisierte Kunstverständnis der Nazis, leitete ab 1982 die Grafische Sammlung des Landesmuseums. 1985 wechselte er zum Institut Mathildenhöhe, dessen Leitung mitsamt dem Posten des Darmstädter Kulturreferenten er 1989 übernahm.

Im Darmstädter Kulturbetrieb ging sein Wirken weit über die Mathildenhöhe und die italienischen Interessen hinaus, Wolbert war ein strategisch nicht immer geschickter, aber überaus engagierter Macher, er plante die Gründung des Jazzinstituts und der Kommunalen Galerie, brachte Kunst auf den Weihnachtsmarkt, sorgte für die stattliche Erweiterung der städtischen Kunstsammlung.

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Und er hinterließ Spuren als Ausstellungsmacher – ob er Avantgardekünstler holte, um mit den Räumen der Mathildenhöhe zu spielen, oder große Themenausstellungen betreute, zum Jazz, zum Design, zur mit der Darmstädter Künstlerkolonie eng verknüpften Idee der Lebensreform. Im Ruhestand wandte er sich ganz der italienischen Kunst zu, wurde geschäftsführender Vorstand der VAF-Stiftung (Frankfurt/Mailand), die eng mit dem Kunstmuseum in Rovereto zusammenarbeitet, organisierte einen Förderpreis für junge italienische Künstler. Die Stiftung würdigte ihn als prägende Persönlichkeit des deutsch-italienischen Kulturaustauschs. Als letzten Wohnort wählte er aber doch die von ihm geliebte Stadt Istanbul – und fand dort auch wieder Zeit, in einer von ihm gegründeten deutsch-türkischen Jazzband die Klarinette zu spielen.