Filmfestspiele Venedig im Endspurt – mit einer Kinokönigin

Die Messlatte für diesen Film lag hoch: Adrien Brody und Ana de Armas spielen die Hauptrollen in „Blonde“, der Filmbiografie von Marilyn Monroe. Foto: dpa

Vor der Vergabe des goldenen Löwen regieren am Lido bei den Filmfestspielen von Venedig die Frauen – allen voran Hollywoodikone Marilyn Monroe.

Anzeige

VENEDIG. Venedig ist blond! Zumindest für einen Tag. Kurz bevor die Nachricht vom Tod der Queen of England auch das Festival am Lido erschütterte, und sich in den Bars von Cafés oder am Rande der Pressevorstellungen alle noch einmal erinnerten, wie vor genau 16 Jahren Stephen Frears’ Film „The Queen“ hier Furore gemacht hatte, einen Silbernen Löwen gewann, und Helen Mirren den Weg zum Oscar-Sieg ebnete, während englische Kollegen davon erzählen konnten, wie sie persönlich einmal der Queen über den Weg gelaufen sind oder in einem Fall sogar die Hand geschüttelt haben, während andere irgendetwas davon murmelten, dass Königinnen sowieso ein Anachronismus seien, kurz vor alldem betrat eine andere Monarchin den roten Teppich: Es war die Kinokönigin Marilyn Monroe.

Denn die letzten Tage am Lido standen ganz im Zeichen von „Blonde“, der Filmbiografie Monroes. Wie beim Warten auf das Christkind wuchs von Tag zu Tag die Spannung auf diesen Film, einen der am meisten erwarteten in diesem Jahr, so stark, dass man in der Stunde der Bescherung fast nur noch enttäuscht sein konnte. Regie führte Andrew Dominik, ein Freibeuter unter den Kinoregisseuren: schwer einzuschätzen, begabt, aber durchaus mit gewissen Hang zu kommerziellen Projekten. Man wird ihm das nicht verdenken, aber eine Folge dieses Hangs ist ein Film wie „Blonde“: Ein hoch interessantes Projekt, denn das Leben der Marilyn Monroe ist aus vielen Gründen erzählenswert. Es erzählt natürlich etwas über unsere Vorstellungen von Filmstars und über den Starbetrieb, die Filmbranche und den Wandel des Kinos seit den 50er-Jahren.

Undankbare Aufgabe für die junge Kubanerin Ana de Armas

Zugleich kann das ja kaum gut gehen: Denn das, was uns an Marilyn Monroe fasziniert, ist ja gerade ihre Unvergleichlichkeit und Einmaligkeit – das gewisse Etwas, das niemand anderes imitieren kann. Insofern ist es eine denkbar undankbare Aufgabe insbesondere für Ana de Armas in der Hauptrolle. Zugleich hat die junge Kubanerin in ihrem kurzen, aber überaus prägnanten Auftritt im letzten James Bond Film alle derart begeistert, dass sie mit großem Wohlwollen rechnen kann. Man gönne zumindest ihr diesen Film, auch dann, wenn man der Ansicht ist, dass niemand Marilyn Monroe spielen sollte.

Anzeige

An diesen Erwartungen gemessen lies die ganze Sache gar nicht schlecht: Der Film ist fast drei Stunden lang, aber von guter Qualität und kurzweilig, er bietet eine sehr faktentreue Schilderung von Marylins Leben. Dominik unterstreicht die Weiblichkeit der Ikone in einer machohaften, testosterongesteuerten Welt, das Geräusch der fortwährend explodierenden und in den Ohren dröhnenden Blitze der Kameras ist bewusst überzogen, um allem eine morbide, perverse und penetrante Stimmung zu geben. Die Fotografen wollten Marylins Lächeln, ihren Körper sehen, aber nicht den Menschen. Dominik analysiert, erzählt von toxischen Beziehungen, von Arthur Miller (Adrian Brody) als der einzigen rettenden Figur. „Blonde“ greift auch das Thema Familie auf, und damit einen der roten Fäden des diesjährigen Programms.

Nun gehen die Filmfestspiele in die Zielgerade – am Freitagabend sollten am Lido der Goldene und die Silbernen Löwen verliehen werden. 23 Produktionen sind im Wettbewerb. Klare Favoriten gibt es nicht, und noch ist der Wettbewerb nicht ganz beendet. Viele der besten Filme liefen in der ersten Hälfte des Festivals: Der Italiener Luca Guadagnino muss für seinen ungewöhnlichen, romantischen Kannibalen-Roadmovie „Bones and All“ irgendeinen Preis bekommen. Dann Darren Aronofskys „The Whale“ – der ist zwar ein einziger manipulativer Bluff in Pottwalgröße – der aber vielen gefiel. Und weil Aronofsky immer schon einer der Darlings dieses Festivals war, ist es gut möglich, dass er auch diesmal nicht ohne einen Preis nach Hause fährt.

Weitaus besser waren andere Filme, zum Beispiel der „Les enfants des autres“ („Die Kinder der Anderen“) von der französischen jungen Wilden Rebecca Zlotowski, in dem es über Patchworkfamilien ging.

Das war auch das Thema von „Love Live“ vom Japaner Koji Fukada, dem einzigen Film aus Asien. Tatsächlich handelt der Film auf den ersten Blick auch von Problemen einer Familie. In Wirklichkeit jedoch reflektiert er auf die Einsamkeit, den Schmerz und den Zustand der heutigen Erwachsenengeneration in Japan. Diese Gefühle betreffen vor allem eine junge Mutter, die zwischen zwei Männern steht, und gezwungen ist, sich in einer äußerst schmerzhaften Gegenwart mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dies führt zur Frage danach, ob die heutigen Erwachsenen (nicht nur in Japan), noch in der Lage sind, ihre Kinder richtig zu erziehen – oder sich von ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen blenden lassen. Regisseur Fukada tritt als stiller Zuschauer auf, er beobachtet, bewegt die Kamera wenig und lässt die Figuren in langem Schweigen sprechen und sich gegenseitig verstehen. Ein Film voller emotionaler Intensität und zugleich mit bitterem absurdem Humor. Gut möglich, dass diese Mischung die Jury bezaubert.