Exkurs über die Solidarität des Teilens

Die Forderung nach Solidarität steht bei Demonstrationen und Kundgebungen immer wieder im Vordergrund Foto: dpa

Der Kasseler Soziologe Heinz Bude versucht in seinem jüngsten Buch eine Neudefinition des Gemeinschaftsbgegriffs

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KASSEL. Es ist immer wieder ein packendes Erlebnis, wenn der in Kassel lehrende Professor der Soziologie, Heinz Bude, seine gesellschaftspolitischen, geschichtlichen und philosophischen Gedanken mit einem interessierten Publikum teilt. Der Kopf qualmt nach einem solchen intensiven Bude-„Encounter“ zwar etwas, aber so ist das nun mal, wenn Gehirn- und Gedankenmuskel in einem intellektuellen Crashkurs trainiert werden von diesem asketisch wirkenden Autor. Als patenter Gesellschafts-Analyst weiß er selbst hochkomplexe Thesen verständlich zu kommunizieren und Stimmungen sichtbar zu machen.

Die Forderung nach Solidarität steht bei Demonstrationen und Kundgebungen immer wieder im Vordergrund Foto: dpa
Heinz Bude, der Autor des Buchs  „Solidarität – Die Zukunft  einer großen Idee“. Foto: dpa

Titel von Bude-Büchern wie „Gesellschaft der Angst“, „Bildungspanik“ und „Das Gefühl der Welt“ drücken aus, wie sehr sich der philosophisch und psychologisch gebildete Soziologe sorgt, um unsere Gesellschaft und um uns.

Nun, 30 Jahre nach dem Mauerfall, gibt es in Budes Buch „Solidarität – Die Zukunft einer großen Idee“ einer Meditation über den Begriff der Solidarität in seiner Entwicklung, seinen Dimensionen und Facetten. Der Begriff „Meditation“, wohlgemerkt, stammt vom Heinz Bude selbst und passt zur Grundsätzlichkeit und Tiefe seiner Auseinandersetzung.

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Der Begriff der Solidarität ist ein heißes Eisen. Der Umgang damit ist geradezu tückisch, und die Bedeutungsvielfalt verleitet zu Missverständnissen, auch dem der Unterschätzung. Die Idee der Solidarität ist ein Pfeiler im Konkurrenz-Programm zum Neoliberalismus-Modell, der massiv die Stärke der Einzelnen, Eigentum, Überlegenheit und absolute Eigenverantwortung propagiert. Der feste Glaube an die Überlegenheit von Liberalismus und Kapitalismus mit all den „unternehmerischen Einzelnen“ und der angenommenen „ungeheuren Kraft der Innovation“.

Der Angriff auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 beendete die liberale Utopie und am 15. September 2008 – dem Tag, an dem vom amerikanischen Finanzinstitut „Lehman Brothers“ Insolvenz angemeldet wurde – war, so Bude, auch die „Kapitalistische Utopie“ zu Grunde gegangen. Vernünftige Menschen, unter ihnen auch überzeugte Neoliberale, wissen jetzt: „Kapitalismus ist ohne Krise nicht zu haben!“ Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

Budes Fazit zum Neoliberalismus, den er auch „ein Regime der Angst“ nennt, in dem „die Angst grassiert, etwas zu verpassen und ungenügend zu sein“, lautet: „Es ist eine Welt, in der das Ich an der Idee seiner eigenen Stärke zugrunde geht. In der das Ich im Grunde in Angst fällt, eine Angst um sich selber und am Ende auch vor sich selber.“ Mit seiner Suche nach einem Ausweg aus diesem Dilemma setzt Bude angesichts eines lädierten oder gar inexistenten „Wir“ beim Ich an: „Wenn das Ich die zentrale Figur des Neoliberalismus ist, dann ist das Ich auch die zentrale Figur der Überwindung des Neoliberalismus. Für meine Begriffe geht es darum, die Solidarität durch das Ichselber hindurch neu zu definieren.“

Die Solidarität, um die es Heinz Bude geht, ist keine der Almosen, sondern eine des Teilens. Sie ist keine Empathie, die ganz nett aber auch folgenlos sein kann. Sie ist nicht zu verwechseln mit Gerechtigkeit, in der es darum geht, was jemandem zugestanden wird. Im Geiste von Albert Camus und dessen Revolte gegen das Absurde formuliert Heinz Bude es so: „Solidarität ist die Rebellion gegen die Absurdität der Welt, weil ich das alleine, um es simpel zu sagen, gar nicht aushalten kann.“

Von Elke Eich