Ein Räuber für die Weihnachtszeit

Die singende Kaffeemühle ist sein großes Glück: Daniel Scholz als Hotzenplotz. Foto: Robert Schittko

Die meisten Zuschauer kennen die Geschichte, und trotzdem gibt es Neues zu entdecken: Das Darmstädter Staatstheater bringt den „Räuber Hotzenplotz“ auf die Bühne.

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DARMSTADT. Nach der Vorstellung wird ein Zettel mit dem Hotzenplotz-Quiz verteilt. Was trägt der Räuber auf dem Kopf? Wie heißt der Zauberer Reprozilius Fackelspan richtig? Und vor allem: Welche Figur magst du am meisten? Bei dieser Frage könnte man ziemlich viele Antworten ankreuzen. Nicht, dass es keine charakterlichen Unterschiede gäbe. Aber liebenswerte Züge haben alle in dieser Bühnenfassung von Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Der Räuber Hotzenplotz“, die am Sonntagmittag vor einem vergnügten Publikum Premiere im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters hatte. Naja, fast alle.

Der Zauberer Petrosilius Zwackelmann ist ein eindeutig fieser Geselle, für den Erwin Aljukic hinter silberglänzender Maske tückische Töne bereithält. Und die Fee Amaryllis ist nur so lange sympathisch, wie sie noch zur Unke verzaubert den kulleräugigen Kopf wiegt und ein melancholisches Lied singt. Wenn der Zauber gebrochen ist und die Fee wieder Fee sein darf, sehen wir Stefan Schuster als geschäftiges Wesen, das sich zur Freundlichkeit zwingen muss und dem die Kostümbildnerin Elena Gauss einen Umhang verpasst hat, der auch als Morgenrock der Witwe Schlotterbeck durchgehen könnte. Aber die taucht erst im zweiten Hotzenplotz-Buch auf.

Komischer Kampf um die Kaffeemühle

Aber auch der Räuber selbst ist ein Finsterling, vor dem selbst kleine Kinder keine große Angst haben müssen. Ein Mann, der eine Kaffeemühle raubt aus Liebe zur Musik, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Das steht fest, wenn Daniel Scholz in der Hotzenplotz-Rolle verzückt den Klängen lauscht. Der Mann macht auch selbst Musik und singt mit rauer Stimme die Rockballade von Hotzenplotz, dem Herrn des Waldes. Und wenn dieser Bösewicht auch mal poltert und brüllt, erschreckt das doch nicht die Großmutter, die ziemlich lange Widerstand leistet, bis sie vor dem Räuber kapituliert: Der komische Kampf um die Kaffeemühle zählt zu den schönsten Einfällen dieser Aufführung.

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Überhaupt hat Jakob Weiss die Kaspergeschichte liebevoll mit vielen Details garniert. Das ist umso bemerkenswerter, als er eigentlich gar keine Zeit dafür haben dürfte: Fünf Viertelstunden liegen zwischen dem Pflaumenkuchen der ersten und der Schlagsahne der letzten Szene. Da geht es Schlag auf Schlag, die Inszenierung wechselt umstandslos von einer Szene zur nächsten, und zwischendrin haben immer noch zwei Leierkasten-Sänger Gelegenheit, die Hotzenplotz-Moritat zu singen, komponiert von Timo Willecke, der noch ein paar weitere Songs geschrieben hat. Sogar tanzende Kartoffeln können in Zwackelmanns Schlossküche auftreten, und nebenbei erkennt man, dass der Zauberer und Bratkartoffel-Fan seine Öko-Lektion gelernt hat: Die Schalen gehören in die Biotonne.

Grundkenntnisse der Geschichte sind hilfreich

Die Kartoffeln soll der Dienstbote Kasper schälen, der den Seppelhut trägt – und das Verwirrspiel der beiden Freunde ist auch bei diesem eiligen Gang durch die Geschichte nicht ganz einfach zu durchschauen. Grundkenntnisse der Geschichte sind durchaus hilfreich, aber die bringen die meisten Zuschauer ja mit. Robert Lang ist ein kumpelhafter Kasper, nur bei der direkten Ansprache des Publikums fällt die Reaktion noch etwas reserviert aus. Hans-Christian Hegewald als Seppel ist der etwas frechere Freund. Kein Wunder, dass die Großmutter bei seiner Erwähnung immer mit dem Zeigefinger droht. Sie trägt Bart und Adiletten, aber die großmütterliche Ausstrahlung von Mathias Znidarec macht diesen Stilbruch wett. Während Wachtmeister Dimpfelmoser in seiner Uniform mehr aussieht wie ein Zirkusdirektor, macht Hubert Schlemmer die Karikatur des nutzlosen Wichtigtuers perfekt.

Auch in seinem wandelbaren Bühnenbild entwickelt Jakob Weiss eine eigene Handschrift, die das Original behutsam interpretiert – die Räuberhöhle ist grob gezimmert, das Zauberschloss sieht ein bisschen nach altmodischer Science-Fiction aus. So kann auch eine bekannte Geschichte noch Überraschungen bieten, und wenn am Ende die Kaffeemühle „My heart will go on“ spielt, werden sich vor allem die älteren Besucher darüber freuen.