"Zu guter Letzt"

Streckt dem Tod die Zunge raus: Harriet (Shirley MacLaine) will zu Lebzeiten entscheiden, wie die Leute später über sie denken sollen. Foto: Tobis

Kurz vor ihrem 83. Geburtstag erweitert die amerikanische Schauspielerin Shirley MacLaine ihre Schauspielkarriere um eine weitere Komödie. Ihre Figur Harriet Lauder ist eine...

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. Von den Toten nur Gutes, weiß der Lateiner: "De mortuis nil nisi bene", lautet die alte Regel für Nekrologe. Und Anne Sherman beherzigt das auch als Nachruf-Autorin für eines jener amerikanischen Provinzblätter die - anders als deutsche Zeitungen - "Obituaries" als feste Rubrik im Blatt haben. Doch bei der reichen Exzentrikerin Harriet Lauder tut sie sich schwer, Lob und Wohlwollen zu formulieren. Das liegt zum einen daran, dass weder Mann noch Kind, die Gynäkologin nicht und nicht einmal der Pfarrer etwas Nettes über sie zu sagen haben. Es liegt aber vor allem daran, dass Harriet mit 81 Jahren zwar nicht mehr gesund, aber noch munter und nervig wie eh und je ist.

Bei der regelmäßigen Lektüre der Geleitworte zur letzten Reise in ihrer Heimatzeitung registriert sie mit großem Interesse das wohlwollende Lob auf Bekannte, die ihr zu Lebzeiten als allgemeines Ärgernis galten. Harriet Lauder, die ihr Leben lang nichts dem Zufall überlassen hat, will auch ihren Nachruhm bei Zeiten selbst regeln. Also marschiert sie ins Büro des Chefredakteurs und bestellt sich die Autorin Anne für die Huldigung. Doch weil die erfolgreiche Geschäftsfrau ein emotionales Lebensbilanzdefizit aufweist, braucht ihre Vita noch ein löbliches Schlusskapitel.

Mark Pellingtons Komödie der letzten Dinge lebt von seinen beiden Hauptdarstellerinnen: Shirley MacLaine verleiht dem Starrsinn der Perfektionistin burschikosen Charme. Harriet Lauder ist eine Egozentrikerin, die zur Selbstverherrlichung neigt, aber man kann ihr nicht richtig böse sein. Man muss sie aber auch nicht allzu sehr bedauern, wie sauertöpfisch sie sich in ihrer edlen Einsamkeit eingerichtet hat. Alles ist erledigt, nichts mehr zu tun, weshalb die Hausherrin den Gärtner und Köchin arbeitslos macht, denn sie kann ja eh alles besser. Zwar leidet sie an Kontrollzwang, doch Harriet würde nie zulassen, dass sie Objekt einer Neurose wird. Gestört sind immer die Anderen, die nicht das Beste aus sich rausholen wollen. "Sei geduldig mit den Blöden", lautet ihre Altersweisheit, mehr Milde ist nicht zu erwarten.

Amanda Seyfried stemmt sich mit energischen Blicken gegen dieses Über-Ego, kann ihre Anne zwar nicht als zweite Protagonistin emanzipieren, aber doch als eigenständige Nebenfigur behaupten. Weil die Recherche zum freundlichen Nachruf so unerfreulich ist, beschließt Harriet, aus ihrem Leben auf den letzten Drücker noch was Nettes zu machen. Sie braucht einen "Hooligan, der von meiner Weisheit profitiert". Anne führt sie zu einem Projekt für schwer erziehbare Risikokinder, und Harriet erzählt den angeblich so schwierigen Kleinen, dass Risiko zum Leben gehört.

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Das afroamerikanische Mädchen Brenda (Ann Jewel Lee Dixon) fährt auf diese Mitmachpädagogik voll ab und folgt fortan auf den Fuß. Schwer erziehbar ist sie nicht, aber leicht entflammbar für Musik und Tanz, weshalb Brenda den großen Groove kriegt, als Oma Harriet beim Retro-Radio einmarschiert, sich als "Kinks"-Fan outet und sehr zur Freude der Vinyl-Freundin Anne die Frühsendung kapert.

Die Heldin liebt das Risiko, die Regie scheut es

Was sich Autor Stuart Fink da ausgedacht hat, ist nun jedoch weit weg von jenem Risiko, das Harriet angeblich so liebt. Auf den ausgetretenen Pfaden der Kumpelkomödie geht es über leichte Widerstände hin zur selbst gebastelten Ersatzfamilie. Der Gang der Geschichte hin zum sentimentalen Abschied ist weithin absehbar, und die Regie unternimmt keinen Versuch, uns Zuschauer zu verblüffen. Mark Pellington verhält sich demnach so wie viele Menschen, die Harriet im Laufe ihres Lebens begegnet sind: Er lässt sie machen, und Shirley MacLaine macht das auch souverän. Das kann man ganz nett finden, Harriet Lauder hätte es verachtet.