Regina Basaran und die Passion des Papiers

Regina Basaran präsentiert in ihrer Ausstellung im Offenen Haus in Darmstadt Papierarbeiten. Foto: Andreas Kelm

Im Offenen Haus in Darmstadt zeigt die Künstlerin eine kleine Retrospektive ihrer „Pyrografien“.

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DARMSTADT. Man ist versucht, an eine neue Spezies von Wirbellosen zu glauben: Feuerwürmer, die ihre Bahnen durch Buchseiten graben, alles links und rechts davon schwarzbraun versengen – und dabei selbst vor frommen Brevieren und Gesangbüchern nicht zurückschrecken. So müssen etwa die Worte und Noten eines Kirchenlieds, das von Jesu Passion handelt, durch ein Netz eingebrannter Löcher ihre eigene Passion erdulden.

Doch das Werkzeug, mit dem Regina Basaran bedrucktes Papier und Fotoabzugspapier traktiert, ist ein banaler Brandkolben aus dem Bastelladen. Umso erstaunlicher die Vielfalt der filigran verschlungenen, hier geschlossenen, dort wild tentakelnden Muster, die die Künstlerin ihrem Basismaterial einschreibt!

Der Brandkolben fügt Akzente hinzu

In einer kleinen Retrospektive von rund 50 Beispielen sind die seit 2014, als die Künstlerin ihre Technik entwickelte, entstandenen Werkgruppen im Offenen Haus ausgebreitet, das die Evangelische Kirche an der Darmstädter Rheinstraße betreibt. Der einzig passende Ort? Nun, die Thematik der Basaranschen „Pyrografien“ hat sich in fünf Jahren beträchtlich erweitert. Den vom fotografischen Ausgangsmaterial meist schwarzweiß gelieferten Menschenkörpern und Gesichtern fügt der Brandkolben Akzente hinzu, die in puncto Aussage weit über ein beliebiges Tattoo hinausgehen.

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„Umkränzt“ heißt ein Frauenkopf, bei dem eine Art Mondhof sich von Ohr zu Ohr zieht. Das Zickzack-Geflecht, das sich zwischen den Hälften eines nackten Paars hin und her zieht, gibt dem Blatt den mehrdeutigen Titel „verstrickt“. Ein Lieblingsmotiv Basarans sind ohne Zweifel Hände: „entfacht“ zeigt eine aus schwarzem Hintergrund in Richtung Betrachter gestreckte Hand, in der ein Feuer aufzulodern scheint. Nicht nur hier kommt die Hinterlegung der eingebrannten Löcher durch Silber- oder Goldfolie effektvoll zur Geltung. Sie gibt vielen Arbeiten eine zweite Ebene und legt hinter dem oberflächlich Sichtbaren „Das Unsichtbare“ – so das Motto der Schau – bloß. Man denkt an den transzendentalen Goldgrund-Himmel mittelalterlicher Malerei.

Theoretisch ist kein Fotomotiv vor dem Brandkolben sicher: Schmuckanhänger, eine Brille, ein Turnschuh, Bestecke, Leiterplatten, aufgeklappte Bücher, spielende Kinder, Baumalleen, der Eiffelturm. Die poetischen Zerstörungsakte ihrer „Pyrografie“ entzünden mit dem wechselnden Thema mal mehr, mal weniger Sinn.

Heikel wird’s, wenn Regina Basaran historische Aufnahmen von KZ-Insassen nutzt, um deren Gesichter mit – gelb hinterlegtem – Spiralmuster zu überziehen. Nein, diese Menschen wurden bereits einmal ausgelöscht. Ein zweites Mal sollte man es erst gar nicht versuchen.