Polnisches Leben im Rhein-Main-Gebiet

Unter dem Titel "Lebenspfade" zeigt eine Ausstellung des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, wie Menschen aus Polen das Rhein-Main-Gebiet prägen.

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DARMSTADT. Ihren Großvater hatte Sandra Mowschowitz nie kennengelernt. Er starb 1971, mehr als ein Vierteljahrhundert später erst wurde seine Enkelin geboren. Aber sie interessierte sich für die Wurzeln ihrer Familie, immerhin war sie im Geschichts-LK an der Ober-Ramstädter Lichtenbergschule. Also begab sich die junge Frau auf Spurensuche - und wurde fündig. Abraham Mowschowitz, 1917 geboren, war polnischer Jude aus Wilna, überlebte mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch, kam nach dem Zweiten Weltkrieg als "Displaced Person" nach Darmstadt, gründete mit einer Deutschen eine Familie. Aber über seine Vergangenheit sprach er nie.

Sandra Mowschowitz hat sie rekonstruiert, ihre eindrucksvolle Recherche ist Teil der Ausstellung "Lebenspfade", die anschaulich macht, wie vielfältig die polnischen Spuren in Geschichte und Gegenwart im Rhein-Main-Gebiet sind. Das Deutsche Polen-Institut pflegt mit dieser gemeinsamen Ausstellung die Nachbarschaft zum Staatsarchiv im Haus der Geschichte. Holger Köhn und Christian Hahn vom Babenhäuser Büro für Erinnerungskultur haben bei ihrer Konzeption zwar thematische Schwerpunkte gesetzt und historische Linien gezogen. Aber sie orientieren sich dabei eng an den über fünfzig Biografien, die auf den Tafeln erläutert werden.

Rund 150 000 bis 180 000 Menschen, die aus Polen stammen oder einen polnischen Pass besitzen, leben im Rhein-Main-Gebiet. Genau lässt es sich nicht sagen, in vielen Fällen von Spätaussiedlern spielt die Herkunft keine Rolle mehr. Aber die Umsiedlung bedeutete stets einen Einschnitt - das zeigen ein paar Erinnerungsstücke, Schallplatten, ein Kochbuch, das Namensschild von der früheren Wohnung. Mit ihrem sehr menschlichen Blick auf die Geschichte erzählt die Ausstellung auch viel über Heimat und das Gefühl der Fremde. Und weil sie so lebensnah ist, haben sogar die roten Lieferwagen der "Golly"-Metzgerei ihren Platz, die mit schlesischen Wurstwaren Medizin gegen das Heimweh verkaufen. Die jüngere Generation wird es kaum noch verspüren, sie lernt Europa auf dem Weg der Arbeitsmigration kennen.

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Die vorgestellten Lebenspfade berühren viele Themen. Von der Begeisterung für die polnische Unabhängigkeitsbewegung in den 1830er Jahren führt die Gedankenlinie zur Polen-Kinderhilfe, die 1981 von der Kinderärztin Krystyna Graef gegründet wurde, die Ausstellung erinnert an den Pianisten Maciej Lukaszczyk und natürlich an Karl Dedecius, man lernt Irena Kielbasinska kennen, die vor dem Ersten Weltkrieg zur ziemlich großen polnischen Studentengemeinde an der Technischen Hochschule Darmstadt zählte und als erste Frau das Chemie-Diplom machte. Schön, dass eine Tafel auch an Johanna und Josef Fränkel erinnert, die in Darmstadt maßgeblich den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde betrieben.

Das ausgezeichnete Begleitbuch zu zehn Euro liefert vertiefende Lektüre. Und es lohnt sich auch, den Video-Interviews zu lauschen, die im Vorfeld der Ausstellung aufgenommen wurden. Da wird der Unterschied zwischen Deutschland und Polen beispielsweise an der Größe der Portionen erklärt - was für jeden Polen zu wenig wäre, ist für alle Deutschen viel zu viel. Ein anderer Gesprächspartner wird gefragt, ob er sich eher als Deutscher fühle oder als Pole. Seine Antwort wird Patrioten nicht unbedingt erfreuen: "Ich fühle mich als Erdenbewohner."