Mit Headphones und Sonnenbrille

Marlies Blücher zeigt im Darmstädter Kunstpunkt ihre Interpretation der berühmten drei Affen, die nichts sehen, hören oder sagen. Bei der Malerin sind die Tiere zu Jetztzeit-Menschen geworden. Foto: Andreas Kelm

Marlies Blüchers Ausstellung "No Evil" ist ab Freitag, 15. März, in der Darmstädter Galerie Kunstpunkt zu sehen.

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DARMSTADT. Die berühmten drei Affen, die sich Augen, Ohren oder Mund zuhalten, stammen aus der japanischen Kultur. Bei uns stehen sie dafür, die Wahrheiten der Welt zu verdrängen. Marlies Blücher hebt ihre Gesten im Darmstädter Kunstpunkt jedoch auf eine andere Ebene. Ihre Triptychen versammeln statt der Affen je drei Zeitgenossen: Menschen, denen man tagtäglich begegnen könnte, beschränkt auf Kopf und Schultern sowie getrennt nach Geschlecht. Im reduzierten Spektrum von Weiß, Blau und ein bisschen Ockergelb treten die Frauen stärker aus dem naturfarbenen Umfeld hervor, die Männer bleiben blasser, geisterhafter.

Gemeinsam ist ihnen jedoch die Reihenfolge der Attribute. Links versteckt sich jemand hinter dunkler Sonnenbrille, in der Mitte hört jemand Musik aus Headphones, rechts hat jemand, die Lippen fest zusammengepresst, die Kapuze eines Sweaters oder Anoraks hochgezogen. Niemand nimmt Blickkontakt mit dem Betrachter auf. Eine junge Frau mit stark geschminkten, weit aufgerissenen Augen schaut ihn zwar frontal an, aber zugleich durch ihn hindurch. Marlies Blücher hat die Menschen um sich herum zweifellos genau studiert, angeregt von medialen Bildern, wie sie sagt, doch in der malerischen Ausführung frei und ohne Vorzeichnung. Die Typen lassen sich mühelos den Subkulturen unserer Gesellschaft zuordnen, hier schick, dort schäbig.

Dabei bleibt alles auf die Personen konzentriert, jeder urbane Kontext bleibt außen vor. Für Sozialkritik wäre ihr flaumig-weicher Pinselstrich auch gar nicht gerüstet. Stattdessen kommt der Gestaltung großes Gewicht zu.

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Hände als unnötige Störung der Komposition

Daher die Entscheidung, modischen Attributen die Rolle zuzuweisen, die im Original die Hände innehaben: Hände würden die Komposition unnötig stören, meint die Künstlerin. Sie möchte ihre Bilder moralisch offen halten, denn zwischen sich Abschotten und sich Schützen sei nur ein schmaler Grat. Nur der Westen verbinde man mit den drei Affen das Nicht-Wahrhaben-Wollen. Im Osten werde "Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sprechen" als Aufforderung dazu begriffen, dem Schlechten keinen Raum zu gewähren. Während der zwei Jahre Arbeit an den Bildern hatte Marlies Blücher viel Zeit, über den Bedeutungswandel wie auch das Jahrtausende Überdauernde des Motivs nachzugrübeln, sagt sie. "Es muss einen tiefen Sinn haben. Sonst wäre es bestimmt verloren gegangen."