Holzstich-Künstler Tobias Gellscheid ist neuer Mainzer...

Der neue Mainzer Stadtdrucker Tobias Gellscheid mit einer in Holzstich-Technik gefertigten Landschaftsarbeit. Foto: hbz/Harry Braun

Von Dürer bis zur Pop-Kultur: Tobias Gellscheid (35) beherrscht meisterhaft die kaum noch praktizierte Technik des Holzstichs; dabei arbeitet er mit Verfremdungen und Collagen.

Anzeige

MAINZ. Wie in einem Zeitstrahl bis zur Unschärfe verwirbelt führt ein Bauer sein Gespann durchs Dämmergrau. Vor einer schwarzen Häusersilhouette schießen Astblitze grell aus einer Baumkrone. Der Himmel rollt sich in einer mächtigen Welle auf zu weißen Gischtadern, die bis hinter den Horizont züngeln. Auf den ersten Blick schreckt man zurück vor dieser Düster-Szenerie. Und ist doch gebannt von der zu höchster Perfektion getriebenen, archaisch-modern anmutenden Bildsprache, mit der sich der junge, in Halle lebende Künstler Tobias Gellscheid den 20. Mainzer Stadtdrucker-Preis verdient hat.

Der 35-Jährige beherrscht meisterhaft die kaum noch praktizierte Technik des Holzstichs, die Arbeiten in der Manier alter Meister entstehen lässt, aber mit Verfremdungen, Verzerrungen, feinsten Gravuren, Zitaten oder Collagen die Inhalte spannungsreich neu auflädt. Die großformatigen Drucke, die Gellscheid eingereicht hatte, sind jüngere Landschaftsstiche. Zuvor fokussierte er sich auf Manifestationen der Popkultur der 1950er und 1960er Jahre. Seine auf einem berühmten Beatlemania-Foto basierende Holzstichkomposition „Helter Skelter“ zeigt eine in entgeisterter Hysterie aufgelöste Masse kreischender Teenager. Jedes flüchtige Emotionsatom wie ein Blitzlicht in Hartholzplatten gemeißelt. Man kann die John, Paul, George und Ringo-Schreie förmlich hören. Als ob sie die in rätselhaften Traumwelten versunkenen Holzschnitt-Kreaturen seiner Vorgängerin Franca Bartholomäi aufwecken wollten. Die künstlerische Seelenverwandtschaft kommt nicht von ungefähr. „Helter Skelter“ war Gellscheids Diplomarbeit an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale. Seine Lehrerin: Franka Bartholomäi, ebenfalls einst Studentin an der ostdeutschen Künstlerschmiede, die Museumsdirektorin Annette Ludwig einen Glückwunschbrief an den Preisträger mitgab. Er sei von der Auszeichnung ziemlich überrascht worden, erzählt Gellscheid. Anders als die Jury, der die an historischen Vorbildern orientierte handwerkliche Virtuosität des Holzkünstlers sofort ins Auge stach. „Memento Mori“-Zitate von Holbein oder Dürer hat Gellscheid auch in seine aktuellen Arbeiten eingebaut. Mit den 6000 Euro Preisgeld könne er jetzt ein wenig freier seine neuen Projekte angehen.

Seit 2016 wird der 1988 ins Leben gerufene, ab 1996 alle zwei Jahre vergebene Stadtdruckerpreis für besondere Verdienste um die Weiterentwicklung der Druckgrafik bundesweit ausgeschrieben. Natürlich präsentiert Tobias Gellscheid seine Holzstiche in einer Ausstellung im Gutenberg-Museum. Der genaue Termin ist noch offen. Fest steht aber schon, dass der neue Stadtdrucker die Auftritte des Museums auf der Leipziger Buchmesse und der Art Karlsruhe adelt.