Fotografie-Ausstellung zum„Unwort des Jahres“ beginnt

Neun Darmstädter Fotografen des Vereins „Unwort-Bilder“ zeigen ab Donnerstag im Schader-Forum ihre Bilder-Doppel zum Unwort des Jahres „Anti-Abschiebe-Industrie“. Jens Steingässer beschäftigt sich mit Paragraf 3 des Grundgesetzes, nach dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Ob die deutsche „Justitia“ (rechts) mit ihren deshalb bewusst blinden Augen diese Gleichheit tatsächlich immer für eine muslimische Asylbewerberin mit Gesichtsschleier (links) gelten lässt? Fotos: Jens Steingässer

Im Darmstädter Schader-Forum wird am Donnerstag eine Ausstellung von zehn Fotografen zum Unwort des Jahres „Anti-Abschiebe-Industrie“, eröffnet. Es ist die 15....

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DARMSTADT. Eine leichte Materie ist es für die neun Darmstädter Fotografen nicht gewesen, das im Januar verkündete Unwort des Jahres 2018. Denn als der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag Alexander Dobrindt seine „Anti-Abschiebe-Industrie“ diffamierend in den politischen Ring geworfen hat, ging es ihm um juristische Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber.

Für Dobrindt eine „Sabotage“ des Rechtsstaats, aber auch ein weites Assoziations-Feld für die Bilder, die Stefan Daub, Jan Nouki Ehlers, Julia Essl, Albrecht Haag, Jens Mangelsen, Manfred Nerlich, Sebastian Reimold, Jens Steingässer, Rahel Welsen und Andreas Zierhut ab heute im Darmstädter Schader-Forum zeigen. Darin stecken Nationalismus und Politiker-Überheblichkeit genauso wie die Bestärkung von Fremdenfeindlichkeit und vor allem auch Kritik an der Unabhängigkeit der Justiz im Land.

Das Konzept der Schau, die der „Unwort-Verein“ erneut in nur wenigen Wochen gestemmt hat, ist nun bereits zum 15. Mal dasselbe. Es hat sich bewährt, dass jeder der Fotografen sein sehr persönliches, kritisches Thema im „Unwort“ findet, sich darüber mit den anderen abstimmt, es schließlich als sich ergänzendes oder kontrastierendes Doppel fotografisch „schön“ interpretiert und durch Mini-Texte ergänzt. Denn wieder überzeugt, was im Schader-Forums in den quadratischen Lichtkästen zu sehen ist. Neu und von den Künstlern geschätzt war, dass die Schader-Stiftung schon im Vorfeld bei den Treffen mitgearbeitet hat: „Sie haben die Latte höher gehängt“, meinen die Fotografen. Doch auch Alexander Gemeinhardt, der Vorsitzende des Stiftungsvorstands, findet es „total toll, dass wir mitmachen können. Nur ein kultureller Zugang kann Vorurteile entlarven.“ Die Schau füge sich perfekt in den Jahres-Themenkreis der Stiftung „Du bist nicht allein“.

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Die Foto-Doppel belegen, dass dieser Satz im Zusammenhang mit der Asylproblematik positiv wie negativ besetzt sein kann. Positiv ist es beispielsweise, wenn Albrecht Haag in Tutzing die bayerische Kirche findet, in der ein Pfarrer das alte „Ecce homo“ ernst nimmt und bis zu 30 Menschen bis zur Korrektur von Rechtsentscheidungen Kirchenasyl gewährt. Weit negativer erscheint es dagegen, wenn Jens Steingässer eine blonde „Justitia“ und eine muslimische Asylbewerberin nebeneinander präsentiert: Er verweist Dobrindts Anhänger auf ihre Missachtung von Paragraf 3 unseres Grundgesetzes, nach dem Asylbewerber, die einen Prozess führen, Deutschen im Aufenthaltsrecht gleich gestellt sind.

Andere Pole besetzen Julia Essel und Sebastian Reimold. Er fand keinen Asylbewerber, der vor die Kamera wollte: Gefragte hatten Angst vor möglichen bösen Folgen. Also zeigt der Fotograf zwei nicht identifizierbare Puppenköpfe, von denen einer noch dazu von den Linien eines ebenso anonymen Fingerabdrucks überdeckt wird – eine Erinnerung daran, dass Asylbewerber solche Abdrücke leisten müssen.

Weit darmstädtischer ist Julia Essels stille Gegenüberstellung zweier Gebäude. Sie hat ihre Kamera einerseits auf den Stacheldraht-umzäunten Abschiebetrakt des Eberstädter Gefängnisses gerichtet, dessen derzeit sieben Plätze auf 25 erweitert werden sollen. Auf dem anderen Quadrat sieht man Asylbewerber-Unterkünfte, die zum prächtigen Geschäft für ihre Vermieter, aber auch für Städte als Weitervermieter werden: Bis zu sechs Personen leben in einem Container, und jeder Bewohner, der einer Beschäftigung nachgeht, zahlt monatlich 194 Euro Miete.

Im Begleitprogramm wird unter anderem am Donnerstag, 14. März, um 18 Uhr zu einem Podiums-Talk mit Nina Janich, Professorin für Germanistische Linguistik an der TU Darmstadt und Sprecherin der Unwort-Jury, dem Sprachwissenschaftler Professor Anatol Stefanowitsch (Berlin) und BR-Kulturredakteur Knut Cordsen eingeladen. Die Unwort-Künstler bieten am Samstag, 16., um 15 Uhr ihren Rückblick auf 15 Jahre Unwort-Bilder an. Der Eintritt zur Ausstellung und die Teilnahme an diesen Veranstaltungen sind kostenlos.

Von Annette Krämer-Alig