Die Moderne ist da

Zur Eröffnung der Ausstellung „Zoom-In Chongqing“ in der Darmstädter Kunsthalle am Sonntag sind auch Künstler aus China nach Deutschland gekommen.Foto: Guido Schiek  Foto: Guido Schiek

Erst der zweite Blick bringt Gewissheit. Doch, die Rückenfigur in Neonfarben, die sich da auf Zhu Hais Ölbild „Heimwärts“ lässig auf ihren Stock stützt, ist der...

Anzeige

DARMSTADT. Erst der zweite Blick bringt Gewissheit. Doch, die Rückenfigur in Neonfarben, die sich da auf Zhu Hais Ölbild „Heimwärts“ lässig auf ihren Stock stützt, ist der „Wanderer über dem Nebelmeer“. Aber was hat Caspar Davids Friedrichs berühmtes Gemälde von 1818 in dieser nächtlichen Szenerie einer fast unsichtbaren, aber grell-beleuchteten Riesenstadt zu tun?

Warum blickt dieser Vertreter der deutschen Romantik auf die 7,7-Millionen-Einwohner-Metropole Chongqing in Chinas Provinz Sichuan? Die Lust auf Interpretation öffnet weite Tore der Unsicherheit. Letztlich bleibt ungeklärt, ob Zhu Hai einfach im Zeichen der Globalisierung Weltkunst auf die eigene Wirklichkeit übertragen hat und warum? Oder spielt der Chinese auf Unbekanntes an, das zum aktuellem Empfinden in seinem Land gehört?

Solche Unsicherheiten begleiten den Besucher durch die Ausstellung „Zoom-In Chongqing“. Gezeigt werden in der Darmstädter Kunsthalle 100 Bilder sowie sechs Videos von 50 Professoren und Studenten der Hochschule der Künste Sichuan in Chongqing. Nur drei Wochen machen die Werke auf Kosten des China National Arts Funds dabei Station.

Anzeige

Die Schau soll daran erinnern, dass vor 45 Jahren die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik China aufgenommen wurden. Vor allem jedoch dürfte Kunsthallen-Direktor León Krempel feiern, weil hier eine Programm-Lücke mit Bravour gefüllt werden konnte: Eigentlich sollte die Vorgänger-Schau „Planet 9“ zwei Wochen länger dauern, doch dann fehlte das Geld. Nun lernt der Besucher dafür eine irgendwie sehr bekannte, dabei aber ferne Kunstwelt kennen.

Diese Welt fasziniert nicht nur Krempel. Tatsächlich findet sich viel europäische Moderne in den Werken der Chinesen – von der Technik her (Malen in Öl und Acryl auf Leinwänden), aber auch stilistisch. Fast durchgängig gegenständlich nähern sie sich heran an Malweisen, die Jahrzehnte überspannen: von Cézanne über die Neue Sachlichkeit oder Gerhard Richter geht es bis zur Neuen Leipziger Schule – um nur einige zu nennen. Die Bilder sind dabei mit nur einer Ausnahme in den vergangenen zehn Jahren entstanden. Und egal, wie bekannt manches erscheint: Die Annäherung an „unsere“ Kunstwelt ist kein Qualitätsmanko.

Jeder Strich sitzt. Schließlich konnte Li Qiang, der Leiter der Abteilung Malerei an der Hochschule Sichuan, für diese Schau auf die Arbeiten seiner Dozenten sowie von 7000 Studenten zurückgreifen, wie er in der Kunsthalle erzählt. Dabei schwingt Selbstbewusstsein mit: 1940 gegründet und in den frühen siebziger Jahren von Maos Kulturrevolution gegängelt, hat man an dieser Akademie, die räumlich weit entfernt ist von Peking, später den Anschluss an westliche Schulen gesucht.

Aber es ist eben auch eine fremde Welt, die sich hier nach Jahrhunderten bewusster kultureller Verweigerung öffnet. Der Besucher spürt mehr, als zu wissen, dass es dabei um die Suche nach aktueller künstlerischer Selbstbestimmung in einem rigiden Umfeld geht.

So trifft man bei Cao Huidi auf symbolistisch fast versteckte Gesellschaftskritik: Sein Bild „Wandern“ zeigt eine Frau, die nicht einmal ihre Luftballons über die Bambussträucher hinaus auf Wanderschaft schicken kann. Chen Weimin lässt dagegen in zwei „Landschaften“ über grauschwarzem Bahn- oder Industriegelände einen roten Himmel eher drohen als erstrahlen. Und wenn Yang Jinsong in seinem „Südchinesischen Meer Nr. 7“ in Richters Manier zwei Mini-Inseln Dunkelgrau in Grau aus dem Wasser aufsteigen lässt, ist Wissen zu den Konflikten über die chinesische Besitznahme dieses Meeres durch solche Inseln gefragt.

Anzeige

Rückbesinnung, um Neues zu schaffen

Auch deshalb mag es nur erst verwirren, wenn einige Künstler sich auch zurückbesinnen. Landschaften, Blüten und Dörfer, bekannt als Höhepunkte chinesischer Zeichnungskunst, bekommen in diesen Ölbildern immer wieder Spannungsfelder zugeordnet. Die Bauhütte des umstrittenen, riesigen Drei-Schluchten-Stausees im Jangtsekiang muss in Zhao Qings „Berge – Reise“ dafür genauso erst entdeckt werden wie die poetisch-floral übermalten Mini-Papierschnitzel auf Yang Qians „Schnee Nr. 3“. Zensur macht eben erfinderisch.

Von Annette Krämer-Alig