Spaß an der Quälerei

Mittendrin statt nur dabei: Strongmanrun-Debütant Torsten Muders (im roten Shirt) weiß jetzt, dass zum Hindernislauf auch viel Wasser gehört. Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun   Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun

Und dafür hast du verweigert!“ Das Kopfschütteln meiner Frau kommt mir in den Sinn, als ich im Matsch unter einem hüfttiefen Gitter robbe und versuche, den mit Strom...

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MAINZ. Und dafür hast du verweigert!“ Das Kopfschütteln meiner Frau kommt mir in den Sinn, als ich im Matsch unter einem hüfttiefen Gitter robbe und versuche, den mit Strom geladenen Fäden auszuweichen. Ohne Erfolg: Ein letztes Band erwischt mich am Hintern und verabreicht mir einen Schlag. Den habe ich aber ohnehin, glaubt man meiner Frau. Knapp 30 Jahre später, nachdem ich noch zu Zeiten der Wehrpflicht die Bundeswehr nie von innen gesehen habe, lasse ich mich nun freiwillig quälen. Und gebe für diesen militärisch anhauchenden Drill auch noch knapp 100 Euro aus. Ich bin einer von rund 10 000 Läufern beim Strongmanrun in der „Grünen Hölle“ auf dem Nürburgring, der selbst ernannten „Mutter aller Hindernisläufe“ in Deutschland. 24 Kilometer, rauf und runter, verteilt auf zwei Runden, immer wieder unterbrochen von insgesamt mehr oder minder fiesen knapp 40 Hindernissen.

Mittendrin statt nur dabei: Strongmanrun-Debütant Torsten Muders (im roten Shirt) weiß jetzt, dass zum Hindernislauf auch viel Wasser gehört. Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun   Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun
In eigener Liga: Susanne Kraus (Mitte) triumphiert mit großem Vorsprung auf dem Nürburgring. Im November geht es dann wieder zur Weltmeisterschaft im Extrem-Hindernislauf nach Atlanta in die USA. Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun   Foto: Fisherman‘s Friend Strongmanrun

Eine junge Trendsportart, die boomt. War das Angebot vor einigen Jahren noch überschaubar, kann man sich heuer praktisch an jedem Wochenende in der Republik oder in Europa so richtig schmutzig machen. Serien wie eben der Strongmanrun, aber auch Tough Mudder, Spartan Race oder Xletics ziehen die Massen an. Die Teilnehmer unterscheiden sich dabei von den traditionellen Ausdauerathleten beim Marathon und Triathlon. Wir schauen im Startbereich auf der Zielgeraden am Ring, wo an diesem Wochenende auch „Rock am Ring“ steigt, in viele junge und auch weibliche Gesichter. Und lassen uns dabei von fetziger Musik von coolen Jungs in grellen Trainingsanzügen einstimmen. Wir, das sind die „68er“ Swen Mohr und Frank Wahl, die ihrem Freund Sascha Rückert zum 50. Geburtstag den gemeinsamen Lauf geschenkt haben. Ich schließe mich als Fast-Fünfziger spontan dem „Oldie-Trio“ von der TG Rüdesheim an. Denn Hindernisläufe sind in erster Linie Teamevents. Gegenseitige Hilfe bei den Hindernissen ist meist erlaubt und erwünscht. Und spätestens, als wir in der Mondlandschaft aus dem schlammigen Wasser krabbeln, um eine steile Wand aus Lehm zu bezwingen, ist eine helfende Hand von oben sogar vonnöten, um nicht abzurutschen.

Für 38-jährige Polizistin nur ein kurzer besserer Trainingslauf

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Während wir „Dauerbrenner“, so heißt die dritte von vier Startgruppen, mitunter an manchem Hindernis auch mal mehr oder weniger gerne lange warten müssen, geht es für die Elite vorne im Feld um jede Sekunde. Freilich läuft die Siegerin Susanne Kraus in einer eigenen Liga. Mit mehr als 14 Minuten Vorsprung vor der Zweiten kommt die 38-Jährige ins Ziel. Für die Wiesbadener Polizistin aber nicht mehr als ein besserer Trainingslauf. Denn die gebürtige Thüringerin, die jetzt in Winkel im Rheingau lebt, läuft auch schon mal 100 Kilometer am Stück. Bei der jüngsten deutschen Ultralauf-Meisterschaft benötigte sie dafür 7:59 Stunden und wurde damit Zweite. Zum Hindernislauf kam die ehemalige Mittelstrecklerin, die früher unter dem Nils-Schumann-Trainer Dieter Herrmann trainierte, eher zufällig. In ihrer alten Heimat in Thüringen nahm sie nach Drängen eines Freundes 2015 am „Getting Tough – the Race“ in Rudolstadt teil. „Eigentlich war mir das immer zu kalt“, ging die zweifache Mutter im Dezember(!) dann doch ohne gezieltes Training an den Start – und gewann prompt. Der Auftakt zu einer Siegesserie bei diversen Hindernisläufen.

Wir „Weicheier“ sind derweil froh, dass in der Eifel, in der es bekanntlich auch Ende Mai noch richtig kalt sein kann, warme Temperaturen herrschen. Man ist gefühlt entweder immer nass oder dreckig – mitunter auch beides. Mitläufer Sascha nimmt noch eine extra „Fango-Packung“ und suhlt sich im Schlamm. Eben das Kind im Manne. Aber es soll ja gesund sein. Spaß macht es aber auch. Auf den Fotos, zig Fotografen halten den Unsinn fest, entdecke ich später sogar, dass ich oftmals lächele. Am breitesten in der Schaumstraße, in der man durch die mannshohe weiße Pracht urplötzlich wie auf gefühlten Federn schwebt. Anschließend sehen wir zwar aus wie „geteert und gefedert“. Doch das nächste Wasserhindernis kommt ja gleich...

Für Susanne Kraus, ihres Zeichens auch deutsche Polizeimeisterin im Crosslauf, heißt das nächste große Ziel Atlanta. Dort findet im November die inoffizielle Weltmeisterschaft im Hindernislauf statt. 24 Stunden Quälerei nonstop. Beim World‘s Toughest Mudder Extrem Lauf 2016, damals in Las Vegas, wurde die 1,65 Meter kleine Power-Frau mit absolvierten 80 Meilen (129 Kilometer) als beste Europäerin Zweite. Während der Sport in den USA, aber auch in England, Skandinavien oder in den Niederlanden schon einige Jahre weiter ist und auch Profis generiert, ist es für die Amateurin Susanne Kraus, die für den PSV Grün-Weiß Kassel und das Team Getting Tough startet, ein ewiger Kampf um kleinere Sponsoren und Anerkennung, um das zeit- und kostenintensive Hobby zu finanzieren. Die Preisgelder, wenn es denn welche gibt, sind in Deutschland eher überschaubar. Auch der Antrag der in Vollzeit arbeitenden Polizistin auf Spitzensportförderung und Aufnahme in den DLV-B-Kader für ihre Erfolge im Ultralaufbereich liefen bisher ins Leere. „Das ist Altersdiskriminierung“, lacht die 38-Jährige.

Von Spitzensportlern sind die „Schotten“, die „Neandertaler“, der „Hulk“, die am Start noch ganz in Weiß gekleideten „Tennisspieler“ oder auch die drei reifen Männer mit ihren Engelsflügeln und ihren Tutus weit entfernt. Eine gute Verkleidung gehört eben zum Strongmanrun dazu. Die athletischen „Wonderwomen“ machen dagegen schon beim Teambild eine gute Figur. Höchsten Respekt verdient auch der junge einbeinige Mann, der auf Krücken mit seinen Freunden im Schlepptau die 12-Kilometer-Runde schafft.

Dixie-Klo entpuppt sich als zusätzliches Hindernis

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Dass der Strongmanrun aber nicht nur Fun, sondern auch Sport ist, müssen beispielsweise der im Motorsport-Outfit gekleidete Jüngling, der nach der Verpflegungsstation seinen Mageninhalt entleert, oder die mittelalte Dame, die auf einem ewig langen und mörderischen Anstieg, garniert noch mit Strohballen und Altreifen, in stabiler Seitenlage liegt, doch schmerzhaft spüren. Nur gut, dass ein anderes Mädel sich nicht zu Tode erschreckt, als ein Läufer aus dem Dixie-Klo am Rande der Strecke eilt und ihr dabei fast die Toilettentür vor den Kopf donnert. Der spitze Schrei erheitert zumindest die Zeugen des Vorfalls mit dem zusätzlichen Hindernis.

Und wie lautet das Fazit des ehemaligen Wehrdienstverweigeres? Wenn man sich auf den Teamcharakter des Wettbewerbs einlässt und das Fun-Event als sportive Party ohne großen Leistungsdruck begreift, dann kann die Quälerei richtig Spaß machen.