Jeder Stolperstein ein Schicksal
Eine Erklärung, was der Künstler Gunter Demnig da auf den Knien macht, ist vielerorts nicht mehr nötig. Längst haben sich die sogenannten „Stolpersteine“, die an die...
CRUMSTADT. Eine Erklärung, was der Künstler Gunter Demnig da auf den Knien macht, ist vielerorts nicht mehr nötig. Längst haben sich die sogenannten „Stolpersteine“, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern und mittlerweile über 61 000 Mal in 21 Ländern in die Bürgersteige eingelassen wurden, einen Namen gemacht.
Selbstverständlich ist das Verlegen der quadratischen Betonsteine, die eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatte mit den Namen der Opfer ziert, allerdings nie geworden. Das ist immer dann gut, wenn damit gegen das Vergessen nationalsozialistischer Verbrechen gekämpft wird. Es kann aber auch zu Diskussionen führen, wie jetzt anlässlich der bereits sechsten Stolpersteinverlegung in Crumstadt. Denn bevor Demnig überhaupt ans Werk ging, äußerte sich Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins für Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, kritisch angesichts einer Entscheidung des Parlaments im Nachbarort Biebesheim, auf Stolpersteine verzichten zu wollen (wir haben berichtet).
Hatte eine Mehrheit im Parlament von Biebesheim diesen Beschluss mit bereits vorhandenen Gedenkformen vor Ort begründet, erklärte Ullrich, dass es schon ein „Geschmäckle“ habe, wenn nicht einmal dort Stolpersteine genehmigt würden, wo Angehörige von im Nationalsozialismus Geflohenen darum gebeten hätten, dass Stolpersteine vor ihrem Anwesen verlegt würden und sogar für die Kosten aufkommen wollten.
Dann jedoch stand Crumstadt im Mittelpunkt, wo am Freitagvormittag zwölf weitere Stolpersteine unter den Augen von etwa zwei Dutzend Bürgern vor drei Häusern verlegt wurden. Neben einer musikalischen Begleitung durch Wolfgang Seidemann und Felix Brandt von der Riedstädter Musikwerkstatt war auch Bürgermeister Marcus Kretschmann (CDU) anwesend. „Was die Nationalsozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren in Deutschland und Europa angerichtet haben, übersteigt für mich sowohl vom Ausmaß als auch von der Gewalttätigkeit und Brutalität jede Vorstellungskraft.“
Kampf für Toleranz und Integration
Kretschmann mahnte, dass der Kampf für Toleranz und Integration nicht aufhören dürfe. „Einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit darf es nicht geben.“ Er verwies darauf, dass Crumstadt in den dreißiger Jahren mit insgesamt 47 Mitbürgern nach der Kreisstadt Groß-Gerau die größte jüdische Gemeinde im Kreis hatte. „Die damals gut integrierten Nachbarn waren angesehene Geschäftsleute, Arbeitskollegen, Freunde, Stammtischbrüder, Schul- und Spielkameraden.“ Erst durch ein „ideologisch verblendetes und unmenschliches Regime“ seien sie zu Volksfeinden erklärt, gedemütigt, ausgegrenzt, verfolgt, ermordet oder zur Flucht gezwungen worden. „Viele der Deutschen machten mit, sahen zu oder ließen zumindest geschehen und schauten weg“, betonte Kretschmann.
Im Anschluss wurde dann ganz konkret an jene Menschen erinnert, denen am Freitag mit der Verlegung eines Stolpersteins gedacht wurde. Verlegt an jenem Ort, der der letzte Wohnort war, an dem die die Opfer freiwillig gelebt hatten. Den Beginn machte das Ehepaar Adolf und Bertha Morgenthau mit ihrer Tochter Rosa Elisabeth. Sie führten in der Friedrich-Ebert-Straße 48 bis 1935 den größten Metzgerei-Betrieb in Crumstadt. Zwei Jahre später musste das Geschäft aufgegeben werden und die Familie floh nach Argentinien.
Vor dem Anwesen in der Friedrich-Ebert-Straße 32 wurde der Familie Sonnheim gedacht. Vieh- und Textilhandel waren ein einträgliches Geschäft, bis am 18. März 1942 David und Klara Sonnheim sowie ihre Tochter Gretel von der Gestapo abgeholt wurden. Lediglich ihr zweites Kind Bertha starb nicht in einem Vernichtungslager. In der Walther-Rathenau-Straße 11 lebte einst die fünfköpfige Familie Grünewald. Die gesamte Familie wurde 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet.