Freitags in deutschen Moscheen

In den meisten Moscheen in Deutschland werden die Freitagspredigten in arabischer oder türkischer Sprache gehalten. Unsere Fotos entstanden in Moscheen in Hannover, Frankfurt (Mevlana Moschee)  und in der Ali Masjid Moschee in Mainz-Kostheim (von oben nach unten). Archivfotos: dpa/HBZ/Kristina Schäfer/Amazon  Foto:

Sie liegen stolz und groß an der Hauptverkehrsstraße oder klein und versteckt im Hinterhof. Für die meisten Nicht-Muslime sind die Moscheen in ihrer Nachbarschaft fremde...

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BERLIN. Sie liegen stolz und groß an der Hauptverkehrsstraße oder klein und versteckt im Hinterhof. Für die meisten Nicht-Muslime sind die Moscheen in ihrer Nachbarschaft fremde Orte. Einige wenige waren vielleicht schon beim „Tag der offenen Moschee“. Doch auch sie haben in der Regel keine Ahnung, was dort am Freitag gepredigt wird.

In den meisten Moscheen in Deutschland werden die Freitagspredigten in arabischer oder türkischer Sprache gehalten. Unsere Fotos entstanden in Moscheen in Hannover, Frankfurt (Mevlana Moschee)  und in der Ali Masjid Moschee in Mainz-Kostheim (von oben nach unten). Archivfotos: dpa/HBZ/Kristina Schäfer/Amazon  Foto:

Constantin Schreiber will das ändern. Der Journalist, der seit Januar für die „Tagesschau“-Redaktion arbeitet, hat sich in den vergangenen Monaten Freitagspredigten in arabischer und türkischer Sprache angehört, in Leipzig, Berlin, Hamburg, Magdeburg, Potsdam und Karlsruhe. Das Ergebnis seiner Recherche ist nun als Buch erschienen. „Inside Islam – Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ dürfte reichlich Stoff liefern für die aktuelle Debatte über Integration, „Parallelgesellschaften“ und die Rolle der Islamverbände.

Der Journalist hat sich für sein Buch bewusst „normale Moscheen“ ausgesucht, keine „Salafisten-Treffs“, die der Verfassungsschutz im Visier hat. Imame, die offen zur Gewalt gegen Andersgläubige aufrufen, findet er in diesen Gebetsräumen nicht. Allerdings: Die Predigten, die er angehört hat, haben mit der deutschen Lebensrealität oft gar nichts zu tun. Das habe ihn schon gewundert, sagt Schreiber. „Diese Predigten sind irgendwie aus der Zeit gefallen.“

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Wenn die Imame, denen er zugehört hat, überhaupt auf die deutsche Gesellschaft Bezug nehmen, stellen sie diese eher als Quelle von Versuchungen und Gefahren für die Gläubigen dar. Positiv wird nur die Religionsfreiheit – auch für Muslime – hervorgehoben. Ein arabischer Imam im Berliner Bezirk Wedding spricht von einer „Umgebung, die stark auf uns einwirkt. Sie gleicht einem gewaltigen Strom, der dich auflöst, dich auslöscht, dir deine Werte nimmt und durch seine Werte ersetzt.“ Der Gläubige könne in dieser Situation nur „festbleiben“, wenn er die „Vorzüge des Gottesgehorsams“ kenne. Der Aufruf zur Abgrenzung von der hiesigen Gesellschaft ziehe sich wie ein roter Faden durch die Texte, sagt Schreiber. In einer schiitischen Moschee habe der Imam gepredigt, dass man „als gläubiger Muslim nicht gleichzeitig demokratisch und liberal und Anhänger des Propheten sein“ könne – dies sei „klar gegen unsere Werteordnung gerichtet“, so der Journalist in einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“.

Dabei hätten alle Imame bestätigt, dass Moscheen Orte der Integration seien. „Dann habe ich sie gefragt, wie lange sie in Deutschland sind, und viele waren schon viele Jahre hier, aber sie sprachen – bis auf einen – alle kein Deutsch.“ Das Selbstbild und das, was in den Moscheen gelebt werde, seien offenbar ganz unterschiedliche Dinge, sagt Schreiber.

Islamistischer Terror bleibt als Thema meist außen vor

Der islamistische Terror, der die Deutschen im vergangenen Jahr stark bewegt hat, bleibt als Thema meist außen vor. Ein türkischer Imam nimmt zwar Bezug auf das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt und kritisiert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In der gleichen Predigt schärft er den Gläubigen jedoch ein, sie als Muslime sollten sich vor Weihnachtsbräuchen hüten.

Interessant ist auch: Die „Flüchtlingskrise“, die in der Zeit, in der Schreiber durch die Moscheen tourte, ganz Deutschland – und auch die christlichen Kirchen – stark beschäftigt hat, kommt in diesen Predigten gar nicht vor. Und das, obwohl unter den Moscheebesuchern auch etliche Flüchtlinge sind. Arabische Flüchtlinge, mit denen Schreiber bei seinen Moschee-Besuchen spricht, zeigten sich überrascht, „wie konservativ das hier ist“ und „was hier für aggressive, rückwärtsgewandte Predigten gehalten werden“. Ähnlich empfinden auch viele Muslime, die schon länger in Deutschland leben. Sie gehen deshalb nur selten in die Moschee, etwa nach einem Todesfall in der Familie.

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Ditib-Predigten haben eine oft politische Ausrichtung

Außerdem fällt auf: Wenn ein Imam der türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) über „unsere dem Paradies ähnelnde Heimat“ spricht, meint er die Türkei. Und: die Ditib-Predigten haben oft eine politische Ausrichtung. Schreiber zitiert den Imam der großen Berliner Sehitlik-Moschee, der den Gläubigen nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei sagt: „Wir sind Zeuge davon geworden, dass durch die Hand von internen und externen Bösen sowie einer unseligen Struktur ein Putschversuch gegen die Unabhängigkeit unserer Nation und der Demokratie unseres Landes unternommen wurde.“ Die „amoklaufende Junta“ werde ewig verdammt werden.

Da Schreiber selbst kein Islamwissenschaftler ist, hat er Forscher angesprochen, die ihm bei der Interpretation der Predigten helfen sollten. Die meisten von ihnen hätten abgelehnt oder Terminprobleme geltend gemacht, sagt er – darunter auch Forscher, die auf Anfragen für Fernsehinterviews stets aufgeschlossen reagierten. Er sagt, eine Wissenschaftlerin habe ihm am Telefon eingeschärft, dass er, wenn er ein Buch über den Islam schreibe, darauf achten solle, „das Gemeinsame zu betonen, anstatt das Trennende“.

„Ich habe gemerkt, dass es da eine Ablehnung gibt, auch über Problempunkte sprechen zu wollen“, sagt der Autor. Die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität, Susanne Schröter, und einige weitere Wissenschaftler erklärten sich aber bereit, Schreibers Fragen zu beantworten.