Ein Universum aus Musik

Statt des üblichen Aufbaus aus Ouvertüre, Solostück und Sinfonie erlebte das Publikum des jüngsten Mainzer Meisterkonzertes eine Dramaturgie aus Gesang und ausladendem...

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MAINZ. Statt des üblichen Aufbaus aus Ouvertüre, Solostück und Sinfonie erlebte das Publikum des jüngsten Mainzer Meisterkonzertes eine Dramaturgie aus Gesang und ausladendem sinfonischen Werk: Auf dem Programm standen die „Hölderlin-Fragmente“ für Sopran und Orchester von Aribert Reimann (*1936) und die fünfte Sinfonie Gustav Mahlers (1860-1911), dargeboten von der Sopranistin Katharina Ruckgaber sowie der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung von Karl-Heinz Steffens.

„Stimme pur“ zu abstrakter Musik

Die Lyrik des melancholischen Romantikers Friedrich Hölderlin (1770-1843), der sich oft im Bruchstückhaften ausdrückte und dessen Werk auch andere zeitgenössische Komponisten wie Wolfgang Rihm oder Hanns Eisler inspiriert hat, scheint geradezu geschaffen für einen Tonsetzer wie Reimann, der an diesem Abend auch im Publikum saß. Die 1963 entstandenen „Hölderlin-Fragmente“ zeigen eine Komponente der musikalischen Sprache eines Künstlers, der mit der menschlichen Stimme von Kindesbeinen an tief vertraut ist.

Mit der Solistin Katharina Ruckgaber erlebte das Auditorium in der Rheingoldhalle indes „Stimme pur“, denn die Textverständlichkeit der Hölderlin-Verse ging leider gegen Null, dazu Reimanns Musik – bizarr, abstrakt und in der Disharmonie einer Logik folgend, die sich dem Zuhörer nur schwer offenbart. Zweifelsohne zeugt es von Mut, ein solches Werk in einer Reihe wie den Mainzer Meisterkonzerten aufzuführen – ein Mut, der für den Veranstalter seinen Preis zu haben scheint: Die ansonsten gut besuchte Rheingoldhalle war kaum halbvoll.

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Im zweiten Teil schlug die Staatsphilharmonie das Publikum mit Mahlers fünfter Sinfonie in ihren Bann. Das 1904 in Köln uraufgeführte Werk steht für einen Klangkosmos, der die ganze Welt mit all ihren Gefühlen und Reizen in Musik übersetzt. Diesem „Text“ folgte die Staatsphilharmonie „wortgetreu“ und bestach mit elegischen Streichern und strahlendem Blech (vor allem dem Horn-Solo im dritten Satz). Steffens vermochte brillant, zwischen dichtem Klang und atmender Weite zu balancieren. Mahler weitete die klassische Sinfonie hier ins Übergroße: Den Walzer des zentralen Scherzos nannte der Komponist „Chaos, das ewig eine neue Welt gebärt, die im nächsten Moment wieder zugrunde geht“. Das beseelte Spiel des Orchesters sorgte jedoch dafür, dass sich der Hörer in diesem Meer nicht verlor. Im unglaublich zart intonierten Adagietto mit seinen expressiven Streichern und Harfentönen, das Luchino Visconti 1971 als Filmmusik für seine Adaption von „Tod in Venedig“ diente, konnte man durch das intensive Spiel hingegen gänzlich versinken.