Beim Abriss ist das Kraftwerk Mülheim-Kärlich der Anlage in...

Arbeiter messen die Strahlung an der Innenseite eines Rohres, das einst zum Primärkreislauf des Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich gehörte. Foto: André Hirtz   Foto: André Hirtz

Jetzt geht’s los. Im Mai, spätestens im Juni soll auch von außen zu erkennen sein, was sich im Inneren seit 2004 tut: Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich nördlich von...

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MÜLHEIM-KÄRLICH. Jetzt geht’s los. Im Mai, spätestens im Juni soll auch von außen zu erkennen sein, was sich im Inneren seit 2004 tut: Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich nördlich von Koblenz verschwindet von der Bildfläche. Ringförmig wird dann der riesenhafte Kühlturm abgebaut, der mit 162 Meter gut doppelt so hoch ist wie seine vier Pendants im südhessischen Biblis. Dort wird sich an der äußeren Hülle des Kraftwerks in den nächsten zehn Jahren so gut wie gar nichts ändern, auch wenn die Abrissgenehmigung noch für diesen Monat erwartet wird.

Arbeiter messen die Strahlung an der Innenseite eines Rohres, das einst zum Primärkreislauf des Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich gehörte. Foto: André Hirtz   Foto: André Hirtz
Im Reaktorgebäude von Mülheim-Kärlich gehen die Abbauarbeiten voran. Links unten ist die Schienen-Zufahrt zum Meiler zu erkennen. Foto: André Hirtz   Foto: André Hirtz

Mülheim-Kärlich ist die Blaupause für den gemeinsamen Betreiber RWE, wie man eine solche auch im Stillstand mit hohem Risiko behaftete Anlage abreißt, und das Kraftwerk am Rhein wird durch das allmähliche Verschwinden seines symbolisch aufgeladenen Kühlturms zum Fanal für die kritisch-besorgte Öffentlichkeit: Seht her, es ist wirklich aus mit der Atomkraft in Deutschland!

„Das lokale Umfeld ist sehr daran interessiert, dass diese Landmarke verschwindet“, sagt Dr. Thomas Volmar mit der gebotenen Zurückhaltung. Kraftwerksleiter darf er sich nicht nennen; er ist Chef der 35 verbliebenen Mitarbeiter (von einst 450) einer Anlage, für die schon seit fast 13 Jahren erste Abrissgenehmigungen vorliegen. „Mülheim-Kärlich war ein Symbol“, sagt Volmar: weil das Kraftwerk wegen Fehlern bei der Genehmigung nur 13 Monate lief, weil lange vor Fukushima klar wurde, dass ein Atomkraftwerk auch abgeschaltet werden kann.

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Grüne Wiese soll nicht von Dauer sein

Es steht auch sinnbildlich für den langen Atem, den Kraftwerksbetreiber, Behörden und Atomkraftgegner brauchen. Und das Jahrzehnte nachdem die Atom-Euphorie von Katastrophen und Sorgen um die Endlagerung ausgetrieben wurde. Bis die radioaktiven Bauteile aus dem Inneren des Kraftwerks entfernt sind, dauert es „bis zur zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts“ (Volmar). Erst in gut zehn Jahren sollen auch die Gebäude geschleift werden. Danach soll auf die freigelegte grüne Wiese wieder etwas gebaut werden, vielleicht ein Gewerbegebiet. Gleis- und Flussanschluss gibt es ja, aber der Energiekonzern RWE hat mit dem Gelände abgeschlossen, auf dem seine Mitarbeiter und diejenigen von Fremdfirmen noch so viel zu tun haben.

In einem Raum sieht es nach künstlerischer Betätigung aus. Ein Arbeiter im Schutzanzug schleift mit einer Flex Teile von Rohrleitungen innen wie außen ab. Am Ende stehen blitzblanke Metallskulpturen, die ihre radioaktive Oberfläche verloren haben. Bei Händlern sind die Teile beliebt, wie der designierte Leiter der Abteilung Überwachung in Mülheim-Kärlich, Stephan Schilp, erklärt: Der Stahl ist sortenrein und hochwertig.

Bevor Rohre und andere im Betrieb belastete und danach kontaminierte Bauteile des Kraftwerks weiterverwendet werden können, muss man sie freimessen. „Dafür wird das Kraftwerk in Gitterboxen-Einheiten zerlegt“, sagt RWE-Sprecher Jan-Peter Cirkel. Die handelsüblichen Boxen durchlaufen eine „Freimessanlage“, die seit April 2006 neben dem Reaktor läuft. „Caroline“ wurde der blaue Quader getauft, für den eigens eine Halle errichtet wurde mit Gesamtkosten in Höhe von einer Million Euro. Ihre 24 Detektoren prüfen den Inhalt von bis zu 80 Gitterboxen am Tag. Zehn Mikrosievert ist der Grenzwert der Strahlung, den Kritiker ablehnen, Behörden aber für richtig halten.

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Freimessen „nach B“ bedeutet, dass das Material auf die Deponie kommt, „nach A“ bringt es zurück in den Wertstoffkreislauf. Die zur Parole gewordene Bratpfanne aus Atomschrott kann es also wirklich geben. Warum nicht?, meinen die Verantwortlichen bei RWE. Selbst einzelne Köcher des Abklingbeckens, in dem die längst abtransportierten Brennelemente gekühlt wurden, sind für die völlige Freimessung vorgesehen.

Allerdings passt nicht alles in eine Gitterbox. Größerer Schrott wird entweder mit einem Bügeleisen-ähnlichen Gerät geprüft oder zerkleinert. Weil bei Letzterem Stäube entstehen, muss behutsam vorgegangen werden. So frisst sich eine Metallsäge ganz langsam durch einen großen Flansch – eine fast surreale Szene im Kraftwerk. „Eine spannende Aufgabe“, meint Volmar zum Zerlegen und schiebt nach: „Das kriegen wir alles hin.“

Besonders spannend wird es, wenn einst der Druckbehälter zerkleinert wird: das Herzstück der Anlage, in dem sich die Kernspaltung ereignete, die am Anfang der Krafterzeugung steht. In Gundremmingen und beim Forschungsreaktor Kahl am Main sei so etwas schon mit Erfolg und ohne Gefahr verschrottet worden, heißt es bei RWE.

Es könne nichts passieren, versichert RWE

Wasser war für die Energieerzeugung im Atomkraftwerk zentral, nun dient es zur Dekontamination. In einer Kabine reinigt ein Hochdruckstrahl mit bis zu 2400 bar die Oberfläche von Rohren. Das kurzzeitig verdampfte Wasser fließt in den Rhein – bei dessen Volumen „eine verschwindende Menge“, findet die scheidende Überwachungs-Leiterin in Mülheim-Kärlich, Dagmar Butz. Dafür dringe nur gefilterte Luft nach draußen aus der 44 Meter hohen Reaktorkuppel mit 56 Meter Durchmesser, die unter leichtem Unterdruck gehalten wird.

Unter der mit drei Zentimeter Stahl und anderthalb Meter Beton überspannten Kuppel herrscht derart viel Betriebsamkeit, dass ein flüchtiger Beobachter an ein Kraftwerk im Betrieb denken könnte. Thomas Volmar erläutert, dass es in Wahrheit Agonie ist: „Sie sehen hier den Zustand ungefähr zehn Jahre fortgeschritten gegenüber Biblis.“ Strom muss längst von außen bezogen werden, allerorten spenden Baustellenlampen Licht.

Mindestens ein permanent anwesender Mitarbeiter des TÜV Rheinland sorgt dafür, dass nichts im Verborgenen bleibt. Eine Genehmigung haben, heiße ja nicht, machen zu können, was man wolle, bekräftigen die RWE-Manager. Jeder Schritt müsse beschrieben und genehmigt werden. Mit Behörden hat der strauchelnde Energieriese in Mülheim-Kärlich mehr zu tun als mit Atomkraftgegnern oder Wissbegierigen. „Das Interesse hat deutlich nachgelassen“, erzählt Butz. Pro-aktiv mache RWE hier im Unterschied zu Biblis nichts mehr. „Wer fragt, kriegt Auskunft.“ Zum Beispiel über einen Standortvorteil der Anlage. Sie hat kein Zwischenlager und ist deshalb – anders als Biblis – komplett brennstofffrei.

Von Christian Knatz