Auch Hessen steht unter Strom

Für das „Ultranet“ wird die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungstechnik genutzt. Die Pläne beunruhigen viele Bürger, sie fürchten gesundheitliche Risiken. Das...

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DARMSTADT. Die Pläne zu den neuen Hochspannungs-Gleichstromleitungen, die quer durch die Republik führen und Windstrom vom Norden in den Süden leiten sollen, machen viele Bürger mobil. Sie sorgen sich um mögliche gesundheitliche Risiken durch erhöhte Strahlungen und elektrische Felder. Hinzu kommt: Beim „Ultranet“ handelt es sich um eine Hybridleitung. Das heißt: Wechsel- und Gleichstromleitungen werden auf denselben Masten geführt. Die Bundesnetzagentur und der Netzbetreiber Amprion sehen keine Probleme, da auch bei dieser neuen Art der Stromleitung die Grenzwerte für elektrische und magnetische Felder gelten würden. Das Bundesamt für Strahlenschutz sieht in manchen Bereichen jedoch noch Forschungsbedarf.

Bislang wurde der Transport von elektrischer Energie mit Hochspannungsleitungen gewährleistet, in denen Wechsel- oder Drehstrom mit einer Frequenz von 50 Hertz fließt. Das bedeutet, dass der Strom fünfzigmal pro Sekunde die Richtung wechselt. Daher spricht man auch von elektrischen und magnetischen Wechselfeldern.

Bei Gleichspannung und Gleichstrom treten diese Richtungswechsel nicht auf, es entstehen dabei elektrische und magnetische Gleichfelder, die in der Größenordnung des Erdmagnetfelds liegen. Weitere Vorteile von Gleichstromleitungen, wie sie das „Ultranet“ nutzt: Sie haben geringere Energieverluste im Vergleich zu Wechselstromleitungen und sie lassen sich leichter isolieren.

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Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Oberschleißheim hat 2017 parallel zum Stromnetzausbau ein Forschungsprogramm zum Strahlenschutz mit 36 Einzelvorhaben gestartet. „Ziel ist, die Bedenken der Bürgerinnen und Bürger aufzugreifen und offene wissenschaftliche Fragen zu klären“, heißt es dazu beim Amt. Auf mögliche gesundheitliche Auswirkungen der Stromtrassen angesprochen, sagt die BfS-Pressereferentin Nicole Messmer, dass nach derzeitigem Stand von elektrischen und magnetischen Feldern im Umkreis von Hochspannungsleitungen keine direkten Gesundheitsgefahren ausgehen, wenn die Grenzwerte eingehalten werden, die in der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung festgeschrieben sind. Allerdings lägen „einzelne wissenschaftliche Hinweise zu gesundheitsrelevanten Wirkungen schwacher niederfrequenter Magnetfelder vor, die überprüft werden sollen“. Bei hohen Feldstärken sind beispielsweise in Studien Reizungen von Muskel- und Nervenzellen nachgewiesen worden. „Wissenschaftlich diskutiert werden auch Wirkungen auf das Nervensystem und ein erhöhtes Risiko für Leukämie im Kindesalter“, so Nicole Messmer.

Bei Nebel oder Regen knistert‘s an der Leitung

Wissenschaftliche Unsicherheiten gibt es auch in der Risikobewertung von statischen elektrischen Feldern, wie sie in der Umgebung der geplanten Hochspannungs-Gleichstromleitungen vorkommen. Vor allem bei Nebel, Regen oder Schnee kann es zu hörbar knisternden oder brummenden Entladungen in der Korona, also in der unmittelbaren Nähe von Gleich- und Wechselstromleitungen kommen. Dort entstehen nach Angaben des Bundesamtes „geringe Mengen an Ozon und Stickoxiden“, zudem könnten Bestandteile der Luft positiv oder negativ aufgeladen werden. Diese sogenannten „Korona-Ionen“ können sich wiederum an Schadstoffpartikel anheften und deren Ladungszustand verändern. Es gibt Wissenschaftler, die vermuten, dass die Partikel dadurch leichter über die Lunge in den Körper gelangen – und dort Atemwegserkrankungen oder Lungenkrebs auslösen können. Wissenschaftliche Beweise zu dieser These gibt es nicht, heißt es beim Bundesamt für Strahlenschutz. Weitere Forschung sei nötig. „Zu Korona-Ionen ist eine Literaturstudie geplant“, sagt Nicole Messmer.

Zur Höhe der Feldstärken bei den neuen Hochspannungs-Gleichstromleitungen heißt es beim BfS: „Derzeit wird davon ausgegangen, dass die statischen Magnetfelder in unmittelbarer Trassennähe in etwa die Größenordnung des natürlichen Erdmagnetfeldes erreichen werden.“

Vögel und Fledermäuse nehmen Magnetfelder wahr

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Nach Meinung von Experten ist es durchaus möglich, dass Tiere, die sich am Erdmagnetfeld orientieren, wie etwa Vögel und Fledermäuse, die statischen Magnetfelder der Stromleitungstrassen wahrnehmen können. Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass elektrische oder magnetische Felder zu Schädigungen bei Tieren und Pflanzen führen. „Allerdings sind direkte Wirkungen der Elektrizität wie etwa Stromschläge möglich“, so das Bundesamt.

Für die Mitglieder des „Aktionsbündnis Ultranet“, ein Zusammenschluss von Bürgerinitiativen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen, ist die Studienlage mehr als ungenügend. Sie fürchten, dass die Bürger einem Feldversuch ausgesetzt werden, da es bislang keine Belege für die Ungefährlichkeit der neuen Übertragungstechniken gebe. Das Bündnis fordert deshalb, falls die Gleichstromtrassen wie geplant gebaut werden, eine Mindestabstandsregelung von 400 Meter zur Wohnbebauung und, wann immer möglich, den Bau von Erdkabeln statt Freileitungen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte vergangene Woche beim Bürgerdialog in Niedernhausen bei Wiesbaden Anwohnern und Vertretern der Bürgerinitiative Verständnis für ihre Sorgen signalisiert. Er will bis zum Sommer mit den Netzbetreibern ausloten, welche Anliegen der Bürger aufgegriffen werden können. Er machte aber auch klar, dass Deutschland auf den Netzausbau angewiesen ist: Der an den Küsten erzeugte Windstrom müsse in die großen Verbrauchszentren im Süden transportiert werden. 2022 gehen die Kernkraftwerke in Süddeutschland vom Netz.