Stockstadt: Mit Lipödem ins Drachenboot

Von René Granacher

Mit zwei Drachenbooten sind am Lipödem erkrankte Frauen auf dem Altrhein unterwegs. (Foto: Heiler)

STOCKSTADT - Befreundete Frauen treffen sich, um zusammen Drachenboot zu fahren: eigentlich nichts Besonderes. Außer wenn es sich um Mitglieder von Lipödem-Selbsthilfegruppen handelt, für die Sport aus mehreren Gründen ein schwieriges Thema ist. Am Samstag kamen rund 50 Frauen aus ganz Deutschland am Altrhein zusammen, um den ungewohnten Schritt aufs Wasser zu wagen.

Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung, an der meist Frauen leiden – nach Schätzungen trifft es jede zehnte. Nach Hormonveränderungen etwa aufgrund von Pubertät oder Schwangerschaft schwellen die Fettzellen schmerzhaft immer weiter an. Was mit stärkeren Rundungen und Orangenhaut beginnt, kann bis zu Deformationen durch Körperausbuchtungen führen. Die Betroffenen nehmen zu, doch hat das Übergewicht nicht mit der Ernährung zu tun.

Das Gefühl, den ästhetischen Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen und angestarrt zu werden, ist ein Grund gegen sportliche Betätigung in der Öffentlichkeit. Weitere sind, dass die betroffenen Körperteile – Hüften, Beine, Oberarme – schon auf leichte Berührungen mit starkem Druckschmerz und „blauen Flecken“ (Hämatomen) reagieren.

Zur Behandlung der Symptome dienen neben manueller Lymphdrainage vor allem Kompressionsstrümpfe und ähnliche verengende Kleidungsstücke. Klingt einfach, aber zunächst muss das Lipödem überhaupt diagnostiziert werden. Daran hapert es oft. „Vielen Ärzten ist das Krankheitsbild nicht bekannt“, berichtet Claudia Effertz aus Bensheim-Auerbach, „darum empfehlen sie nur, gegen das Übergewicht doch mehr Sport zu machen – was aber sogar kontraproduktiv sein kann.“

Effertz leitet die Regionalgruppe Südhessen und hat das gemeinsame Drachenbootfahren organisiert. Dazu gehörte viel Überzeugungsarbeit, haben doch viele Betroffene das Thema Sport für sich abgehakt: „Wegen der Körperfülle müssen sie sich etwa beim Besteigen der Boote helfen lassen, das kostet auch Überwindung.“ So hat es fast zwei Jahre gedauert, bis sie Gruppen von der ungewohnten Aktivität überzeugt hatte. Unterstützung bekam sie vom Drachenbootverein „Dragonhearts“ mit Booten und Trainern, außerdem von einem Nauheimer Sanitätshaus, der AOK und anderen.

Als es soweit war, herrschte auf dem Gelände am Altrhein fröhliche Stimmung: Man freute sich, Bekannte wiederzutreffen und gemeinsam Neues zu erleben. Neben den Frauen waren auch etwa 20 Familienmitglieder zum Anfeuern gekommen. Der Wasserstand im Altrhein war wegen der Trockenheit niedrig, aber ausreichend.

Während die Drachenboot-Paddler den Bewegungsablauf erklärten, umschwirrte ein Aufzeichnungsteam des Senders RTL Extra die Gruppe: Bei einer Sendung über die Krankheit soll auch gezeigt werden, was die Selbsthilfegruppen auf die Beine stellen und was trotz Lipödem alles möglich ist. Das ist ganz im Sinne von Claudia Effertz, denn sie will deutlich machen, dass Lipödem-Betroffene nicht nur aus ihrer Krankheit bestehen, sondern starke Frauen sind wie andere auch.

Und sie will die Krankheit bekannter machen, sodass Frauen nicht mehr lange vergeblich nach Hilfe suchen müssen, bis sie die richtige Diagnose bekommen – bei ihr selbst dauerte es 14 Jahre. Natürlich sollten das Treffen und die gemeinsame Unternehmung auch Spaß machen, ebenso wie der Rest des Wochenendes: ein Fotoshooting im Hofgut Guntershausen, Fachvorträge und ein Familienpicknick.